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Wo gehobelt wird, fallen SpĂ€ne, wo gemeißelt wird, fliegen Splitter. Also Reste und Funde, Reflexionen und Schnurren: der Steinmetz unplugged. Bitte Schutzbrille aufsetzen!




Friedhofsgeschichten (3) - Hiobhumor


Wahrscheinlich ist es ein zwanghafter Hang zur Witzelei, womöglich sogar der Tatbestand der klinischen Diagnose auf Tourette-Syndrom erfĂŒllt – aber immer wenn ich diese lebensgroße Bronzefigur auf dem Hauptfriedhof sehe



und das passiert hĂ€ufiger in letzter Zeit eines Großauftrags wegen, der Befestigung von ĂŒber 60 Grabmalen auf dem Kriegsopferfeld, stĂ€ndig bewacht oder eher begleitet von diesem in sich gekehrten nackten Mann, ein „Hiob“, wie schnell recherchiert ist, der alles verloren hat und nur noch dahockt, zu Bronze erstarrt – immer wenn ich diese wĂŒrdige, ernste, zerbrechliche Figur sehe, kommt mir der saublöde Cartoon in den Sinn, der sich eigentlich ĂŒber ein damals neues ökonomisches Unwort lustig macht: Ein Mann, der gerade mit einer knackigen Blondine im Bett zur Tat schreiten will, guckt in seine Hose und stöhnt: „Oh, oh, Nullwachstum!“

Das ist hier, auf dem Friedhof, nicht witzig, ich weiß es ja. Ich suche Heilung, Therapie, bitte um Entzug aller AuftrĂ€ge, deren ich mich so unwĂŒrdig erwiesen habe. Der Schmerz des Mannes ist ein seelisches Zerbersten, geht also viel tiefer. In die Waden oder Zehen vermutlich. (01.09.2017)


 

 

SchÀuble,

 

unser Finanzminister, gilt als Musterexemplar des durchsetzungsstarken und kompetenten Fachpolitikers, fest verankert im Nirgendwo der „bĂŒrgerlichen Mitte“. Ihm fĂ€llt jetzt geradezu naturgemĂ€ĂŸ die Rolle zu, die aufmĂŒpfigen Griechen, ihren erschreckenden Versuch, Politik fĂŒr die kleinen Leute zu machen, im Namen der ökonomischen Vernunft in die Schranken zu weisen. Leider ist diese Vernunft recht abstrakt und mit vielerlei Zumutungen verbunden, da mag dann eine kleine Anekdote, eine Plauderei aus dem NĂ€hkastchen weiterhelfen:

     Aber trotzdem erzĂ€hlt SchĂ€uble von diesem "beeindruckenden" Vorfall
     aus den Hochzeiten der Finanzkrise. Bei einem Krisentreffen der
     Eurofinanzminister habe der damalige griechische Finanzminister
     Evangelos Venizelos nachts um drei - wieder einmal - zu einem
     Lamento angesetzt, welche KĂŒrzungen das griechische Volk ertragen
     mĂŒsse. Und ausgerechnet der estnische Kollege, JĂŒrgen Ligi, -


was nach einer etwas schrĂ€gen Übersetzung von „Jogi Löw“ ins Estnische klingt, nie gehört von dem Mann

   - einem eher stillen Zeitgenossen, -

ach so

     - sei da der Kragen geplatzt: „Evangelos, ich kann es nicht mehr
     hören" habe Ligi seinen Kollegen angefahren. Der griechische
     Mindestlohn liege doch ĂŒber dem estnischen.
Die Krise ist eben
     relativ, das ist SchĂ€ubles Interpretation des nĂ€chtlichen Vorfalls.


Ja, so sind sie halt, die wortkargen, melancholischen NordlĂ€nder, fressen den Kummer ĂŒber ihren niedrigen Mindestlohn in sich hinein, wĂ€hrend die undisziplinierten, aber schlauen Levantiner immer schon nichts als Theater machen:



Okay, die „Ilias“ war schon irgendwie eine anerkannte literarische Spitzenleistung, die von den alten Griechen vor fast dreitausend Jahren da rausgehauen wurde, der kulturelle Urknall des Abendlands sozusagen, aber, seien wir ehrlich, im wesentlichen bloß eine landestypisch ermĂŒdende Abfolge von Jammern und Klagen, Weinen und Schimpfen in einem fort. Europa und Euro mĂŒssen ja scheitern, wenn der Baumangel schon im geistigen Fundament, dieser zugegeben gewieften Rhetorik von Heulsusen und Memmen steckt. Aber schauen wir uns doch mal den Anlass des griechischen Lamentos („Threnos“ mĂŒsste es ja heißen, aber sogar in der Bildungssprache haben sich diese Weicheier von ihren fitteren Nachbarn verdrĂ€ngen lassen), schauen wir uns den Mindestlohn einmal nĂ€her an.

GrundsĂ€tzlich ist das natĂŒrlich ein Thema fĂŒr DĂŒnnpfeifer und Loser, der Starke fĂŒrchtet den freien Markt nicht. Der griechische Mindestlohn liegt, Stand 2014, bei 3,35 Euro pro Stunde bei Lebenshaltungskosten von 93 % vom EU-Durchschnitt (Stand 2013, steigende Tendenz). Ein Mindestlohn beziehender Grieche kann also das ĂŒppige deutsche Existenzminimum von knapp 700 Euro im Monat locker in 45 Wochenstunden schaffen. Der Este mit seinen 1,90 Euro Stundenlohn bei 80 % Kosten mĂŒsste fĂŒr den gleichen Lebensstandard schon knapp 14 Stunden tĂ€glich arbeiten. Er beißt halt die ZĂ€hne zusammen wie sein Finanzminister auch, der ihm das als sozialpolitische Wohltat anpreisen muss und dabei nicht vom ewig greinenden Griechen gestört werden will.

Man kann es auch wirklich nicht mehr hören: Die Selbstmordrate steigt? Depressionen ist doch nur ein anderes Wort fĂŒr mangelnde Eigeninitiative. Kinder werden ins Heim gegeben, damit sie genĂŒgend zu essen bekommen? Ist doch ein klarer Beweis dafĂŒr, dass der Sozialstaat noch funktioniert. Privatisiert endlich eure Kinderheime, dann arbeiten die noch effizienter! Die SĂ€uglingssterblichkeit so hoch wie in einigen LĂ€ndern Afrikas? Ist doch schön, wenn Afrika auf diese Weise das europĂ€ische Niveau erreicht. Die Krise ist eben relativ und Jammern die erste bĂŒrgerliche Untugend.

Packen wir lieber an und bringen die ewigjunge Dreigroschenoper, Sie wissen schon:

     Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine
     Bank gegen die GrĂŒndung einer Bank? Was ist die Ermordung eines
     Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?


auf den aktuellen Stand: Was ist schon Sklavenarbeit gegen die EinfĂŒhrung eines gesetzlichen Mindestlohns? (10.02.2015)

 



 


 

 

 

 

Ach so


Steiler Anstieg vom tiefsten Punkt in Seckbach rauf zum Budge-Heim, tausend Mal gefahren, ich schalte routiniert herunter vom 4. in den 3. in den 2. Gang, keuche leise und fĂŒhle, wie sich das sĂŒĂŸe Gift der Anstrengung in den Beinen, in der Lunge ausbreitet. Eine Biegung noch, dann ist es geschafft. Plötzlich ein Schatten hinter, dann neben mir, ein Mann zieht mit krĂ€ftigem Pedaltritt an mir vorbei, lĂ€sst mich stehen wie Jan Ullrich in seinen besten Zeiten den Flachlandsprinter auf Hungerast. Mit irrwitzigem Tempo rast er davon, ein außerirdischer Mutant mit unmenschlichen KrĂ€ften, zumal mein entgeisterter Nachblick einen dermaßen schĂŒtteren, schon selber in Kahlheit ĂŒbergehenden Haarkranz erspĂ€ht, der ganz sicher einem Ă€lteren, ja alten TrĂ€ger zugehört. Dann erst höre ich, wie aus der BetĂ€ubung einer nahen Ufo-Landung erwachend, ein leises Sirren. Ach so. (12.08.2014)

 

 

 

Tooor! - - - Aus dem Hintergrund mĂŒsste Rahn schießen, Rahn schießt


Wenn man in dreißig Jahren, in der Welt der selbstfahrenden Autos und lĂŒckenlosen Vernetzung, gefragt wird „Hey, Alder, wo warst du beim 4 : 0 von Deutschland gegen Portugal bei der WM in Dings, Ă€h, Kolumbien?“, da wird ein verlegen gemurmeltes „Keine Ahnung, mein Alzheimer, weißt du“ oder, noch lahmer, „Vermutlich beim Joggen, Fußball ist nicht mein Ding“ nicht mehr reichen. Damit kommt man in Zukunft nicht mehr durch. Okay, vor 60 Jahren, als die gefĂŒhlte SiegprĂ€mie fĂŒr unsere Jungs aus einem Hundertmarkschein und einem Bildband von Bern bestand, mochte das noch angehen. Bei zwei Fernsehern auf fĂŒnf StraßenzĂŒge und den vielen, aber immer störanfĂ€lligeren VolksempfĂ€ngern muss das Leben fĂŒr die meisten einfach weitergegangen sein, die Frauen putzten, kochten, wuschen, die MĂ€nner besorgten das Wirtschaftswunder. Eigentlich war Alltag bzw. gewöhnliches Wochenende (ich vermute mal Samstag, die Kirche hatte damals mehr zu sagen – nee, liege falsch, laut „wochentage.de“ war es doch ein Sonntag) und nur wenige, dafĂŒr legendĂ€re Aktionen wie stundenlange GewaltmĂ€rsche in die nĂ€chste Kneipe mit Fernseher hoben sich davon leuchtend ab. Nur die richtigen Fans waren Zeuge, als Deutschland wie Phönix der Asche entstieg, die anderen erfuhren es aus der Zeitung.


Diese Zeiten, die sich beinahe zur wĂ€rmenden Idylle im medialen Windschatten verklĂ€rten, wenn man es nicht besser wĂŒsste, sind vorbei. Heute ist, wenn Deutschland WM spielt, Volksfeststimmung. So ungefĂ€hr wie Straßenkarneval in Köln, aber bundesweit und mit zehn Millionen Flachbildschirmen. Und wie beim Karneval gibts natĂŒrlich auch hier die Verweigerer, die Feiermuffel, in erster Linie Leute, die keinen Bezug zum Fußball haben. Wenn bei uns Fußball im Fernsehen kommt, wird meine Frau schlĂ€frig. Das sei, rechtfertigt sie sich, wie vor einem Aquarium, bunte Fische ziehen nach links, bunte Fische ziehen nach rechts, da mĂŒsse man ja einpennen. So gehts mir auch, wenn Yoga im Fernsehen kommt, okay, sagen wir lieber, die deutsche Meisterschaft der StandardtĂ€nzer. Da fehlt der Bezug. Wer nie als junger begeisterungsfĂ€higer Mensch einen schnellen Konter mit einem unhaltbaren Vollspannhammer an den Innenpfosten abgeschlossen oder den ein Kopf grĂ¶ĂŸeren Nachbarjungen mit einer ĂŒberraschenden KörpertĂ€uschung ausgespielt hat, dem ist das halt Aquarium. Oder Yoga. Seit einigen Jahren, und die Historiker werden streiten, ob es mehr am Klimawandel, der Flachbildschirmtechnik oder dem medial aufgeblasenen „SommermĂ€rchen“ 2006 gelegen hat, ist die kritische Masse zum nationalen Volksfest erreicht und viele Leute werden mitgerissen, denen das passive Abseits so schnurz ist wie der Nitratgehalt von Aquariumwasser.


Wenn die Anzeichen nicht tĂ€uschen, treten wir in das Zeitalter ein, in dem auch Vorrundenspiele biografische Zeitmarken setzen wie sonst nur die Topaufreger der Geschichte. Wir sollten uns dafĂŒr wappnen. Sonst laufen wir Gefahr, dass unser mĂŒhsam angeworfenes GedĂ€chtnis nur erschreckende Harmlosigkeiten zu Tage fördert. Machen wir den Test: 7. Mai 1945? Wohl noch nicht mal eine ChimĂ€re im Kopf einer jungen Frau und eines ihr unbekannten jungen Mannes. Kennedymord 1963? Ein Brötchen kauend auf einem blauen Holzstuhl im „kleinen“ Kinderzimmer einer NiederrĂ€der Neubauwohnung? Mondlandung 21. Juli 1969? Vorm Fernseher, wo sonst. (Das waren noch Sondersendungen, sowas kennt die Jugend ja gar nicht. Hat man sich da nicht, in den Schulferien zumal, morgens vor den Fernseher gesetzt, all die Experten, Grafiken, Zuschauerfragen eingesogen, um spĂ€t abends erschöpft gen Bett zu wanken?) WM-Endspiel Deutschland (West) gegen Holland, Sommer 1974? GedĂ€chtnislĂŒcke, wahrscheinlich private viewing in einem Zweibettzimmer der Frankfurter Uniklinik. Mauerfall? Ha, der Nebel lichtet sich, da lief doch das Radio beim tĂŒrkischen Schuhmacher, gegenĂŒber meiner Studentenbude in der Kreuzlinger Straße in Konstanz. „Die Grenze offen – IST DOCH SCHÖN!“ strahlte er. Es sind immer die schlichten Worte, die sich ins GedĂ€chtnis einbrennen.


Und nun also, von mittlerweile vergleichbarem Kaliber, das erste Vorrundenspiel Deutschlands gegen Portugal in, schĂ€rfen wir es uns ein, damit es noch in dreißig Jahren geĂŒbt von den Lippen sprudelt, Brasilien. Nachmittags rufe ich Sportkamerad Stefan an, das „Du“ geht besser als gedacht. Im Verein werden selbst wĂŒrdige 75-jĂ€hrige Herren nach wenigen Minuten Kennenlernen geduzt, eine Sache der Gewöhnung. Sollte mich nicht wundern, wenn sich Schweini oder Poldi mit der Kanzlerin nach ein paar Kabinenbesuchen duzen, das „Sie“ wĂ€re dort ein Kulturbruch wie ein Abendkleid ohne Ausschnitt in Bayreuth. Stefan meint, er kĂ€me zum Sport, Hans-Werner, der Übungsleiter, sei da. Erste Halbzeit selber Sport machen, zweite Halbzeit Fußball gucken, so wĂŒrde er das halten. Sofort bin ich ĂŒberzeugt. Die Weisheit des Alters ergreift mich, imprĂ€gniert mich gegen den schon wochenlang sinnlos tosenden Hype um die sportliche Vielvölkerschlacht. Werde also Ende der ersten Halbzeit vom Sportplatz quer durch die Stadt nach Bornheim radeln, auf erhabener Meta-Ebene, dabei Torschreie und Chancengestöhne aus offenen Kneipen und Fenstern oder sonstwoher neugierig registrieren. Da ruft Freddy an, seine Verabredung sei geplatzt, ob wir das Spiel auf der Berger gucken können, Silvia kĂ€me auch. Die ImprĂ€gnierung bröselt schlagartig weg, scheiß auf die Meta-Ebene, der Anpfiff unseres allerersten Spiels, bei dem sich Topp oder Flopp der ganzen WM entscheiden wird, darf auf keinen Fall auch nur um eine Sekunde verpasst werden.


Was sich rasch als Ding der Unmöglichkeit erweist. Freddy erscheint mit schwarz-rot-goldenem HandbĂ€ndsel, dem Pendant zur roten Pappnase im Karneval. Wir finden nur noch Platz vor der Eisdiele, ein Mann schließt gerade den Fernseher an, kein Ton (nebenan ist es aber laut genug), wackliges Bild. Silvia kommt auch, wir bestellen Eis und Bier, das Spiel beginnt und trennt das Publikum in flanierende, klönende und sonstwie abgelenkte Aquarianer und echte Fans. Eine Ă€ltere Frau, Typ lustige Nudel, zieht vorbei und macht Bilder vom Straßenfest, direkt ins Publikum. „Könnt ihr euch ansehen, auf www-ichliebebornheim-de“, ruft sie beschwichtigend. MĂŒller macht schnell das 1:0, wir wissen es schon ein paar Sekunden vorher, bevor wir es sehen.


Und hier, mag es sich auch nur um ein lĂ€nger bekanntes PhĂ€nomen unterschiedlich schneller Übertragungswege handeln, findet sich die eigentliche Signatur der Fußballfeste im 21. Jahrhundert, fundamentaler als public SommermĂ€rchen, Groß- und Kleinbildschirme, Schlandfolklore und Flaggenburkas. OberflĂ€chlich Ă€rgert man sich wie in der Schule, wenn der Klassenpfiffikus die Zahlenreihe, vom Lehrer als unterhaltsames Intelligenzspielchen an die Wand projiziert, blitzschnell ergĂ€nzt und alle anderen jĂ€h aus ihren GrĂŒbeleien ĂŒber das zugrundeliegende Gesetz herausreißt. Die Irritation der asynchronen LiveĂŒbertragungen geht aber tiefer. Man möchte gemeinsam einer FußballerzĂ€hlung folgen, einem Spannungsbogen wie im guten alten Roman oder im Kasperletheater, zwischen langweiligem Mittelfeldgeschiebe und tödlichen PĂ€ssen in die Tiefe, zwar stark zufallgesteuert und ohne Drehbuch, aber doch verlĂ€sslich wenigstens darin, dass die Wirkung brav der Ursache folgt. Man möchte Mozart und Fontane lauschen und erlebt dank Zweiklassentechnik die Modernisierungsschocks von „Wandering Rocks“ oder Zwölftonmusik. Der Stress der technischen Moderne hat sich in alle Winkel eingenistet und geht energisch gegen die letzten Widerstandsnester der GemĂŒtlichkeit vor. (01.08.2014)

 

 

 

 

 

 

 

 

„... verkĂŒndige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl“

 

Lebend aus dem Krankenhaus kommt man heutzutage schnell oder gar nicht.* Den Geschichten der Alten vom vielwöchigen Liegen im Krankenbett wegen eines gebrochenen Fußes oder Ă€hnlich unspektakulĂ€rer Malaisen lauschen wir JĂŒngere schreckhaft wie den Erinnerungen an einen zu desaströsem Stillstand verkehrten Krieg. Alles Körperliche habe sich zurĂŒckgebildet, erzĂ€hlen sie, auch die Muskeln des gesunden Beins, sodass erst Monate nach Befreiung aus der Zwangslage wieder der bewegliche Normalzustand eingekehrt sei. Inzwischen sorgt der medizinische Fortschritt Hand in Hand mit ökonomisch diktierter Durchrationalisierung aller AblĂ€ufe dafĂŒr, dass sich ein Patient, bevor er sich im neuen Umfeld hĂ€uslich einrichten kann, unversehens im alten Zuhause wiederfindet. Überdeutlich sind die Signale, die ihn auffordern, sich mit der Genesung zu sputen und das Krankenbett nicht etwa als Erholungszone und Illness-Oase misszuverstehen: das Essen, wie man es sich in Kinderheimen der 50-er Jahre vorstellt, das um Freundlichkeit bemĂŒhte Personal gehetzt oder in gleichmĂŒtiger Routine die DauerverspĂ€tung hinnehmend, im ĂŒbrigen unauffindbar, wenn man es braucht, störend (etwa frĂŒhmorgens), wenn man es nicht braucht, die Mitpatienten ein bunter und rasant durchwechselnder Haufen prekĂ€rer Existenzen. Auch was den Zweck des Ganzen, die Heilung anlangt, hat der Geist der Intensivmedizin lĂ€ngst auf allen Stationen Einzug gehalten mit hocheffizienter Therapie körperlicher Gebrechen, die vor diesem Ansturm schnell kapitulieren oder gar nicht. Dante abwandelnd mĂŒsste der Spruch ĂŒberm Eingang zu dieser sanften DrehtĂŒrhölle heute lauten: Gesundet, die ihr eintretet, rasch oder lasst alle Hoffnung fahren.


Vor Jahrzehnten war das noch anders. Das erste Mal kam ich ins Krankenhaus mit sieben Jahren und BlinddarmentzĂŒndung. Vor der Operation, die wohl verspĂ€tet und deshalb in angenehm angstlösender Hektik eingeleitet wurde, bekam ich eine Maske angelegt mit der Aufforderung zu zĂ€hlen, das Narkosegas wirkte in wenigen Sekunden. Die folgenden ein bis zwei Wochen verbrachte ich in einem Krankensaal mit geschĂ€tzt fĂŒnf oder sechs Kindern, deren Gesichter und Schicksale bis auf den Anblick des eindrucksvoll blutigen Zentralfortsatzes eines gleichaltrigen Jungen bei Gelegenheit des Verbandswechsels spurlos gelöscht sind. An die sehr knappen Besuchszeiten auch fĂŒr Eltern, zwei Stunden pro Woche, die meine Mutter ĂŒberliefert hat, erinnere ich mich ebenso wenig wie an das gramvolle Verfolgen des vorrĂŒckenden Uhrzeigers beim Besuch meines Vaters.


Die eigenen Erinnerungsschnipsel legen nahe, dass Krankenhaus auch ein Ort der wilden Freiheiten sein kann, ein Eroberungsland fernab der Einsortierung in die geschlossene Familienroutine. So sah ich mit neidvollem Staunen das erste ferngelenkte Spielauto meines Lebens, das ein anderer Junge von seinem Bett aus um die nackten Pfosten der ĂŒbrigen Betten kurvte, dabei herrisch die Bitten um Überlassung des Weltwunders abweisend im Wissen um die LeuchtkraftverstĂ€rkung seines Solospiels. Die Anschaffung solchen Technikschunds zuhause war ja undenkbar, sodass ich mich hier wenigstens sattzusehen gedachte. Oder, schon gegen Ende der Liegezeit, der ausbrechende Heißhunger auf FrĂŒhstĂŒcksbrötchen mit Butter und sonst nichts, der zu regelrechten EsswettkĂ€mpfen mit den anderen Kindern fĂŒhrte um die Zahl der von den Schwestern lachend angelieferten Nachbestellungen. Daheim, das Neuland war versunken, machte es keinen Sinn und keinen Spaß mehr.


Ein unangenehm drastischer, mich ĂŒberrumpelnder Moment war die vorĂŒbergehend nötige von außen eingeleitete Besorgung des „großen GeschĂ€fts“. Das hatte ich doch lange schon manierlich zu fĂŒhren verstanden, viel lĂ€nger schon als aktuelle Techniken wie Rechnen und Lesen, und nun wurde tĂ€glich Hand angelegt, eingefĂŒhrt und gerĂ€uschvoll verflĂŒssigt, dass es eine Pein war. Vielleicht mitbefeuert von solcher Zentrierung auf Körperlichkeit, die seit jeher die Schamgrenze im Krankenhaus volatil macht, jedenfalls begeistert in der Durchbrechung eines Tabus, kam es eines Tages zu einem reihum ansteckenden Kollektivdurchhauen der Popos unserer knuffigen TeddybĂ€ren, die doch eigentlich die TrĂ€nen ĂŒber die vermissten Mama und Papa tröstend aufsaugen sollten.


Mein zweiter Aufenthalt im Krankenhaus mit 15 Jahren war dank meines verbeamteten Vaters der einzige Ausreißer in die Komfortwelt privat Versicherter und somit entschieden der langweiligste. Ich hatte beim Klassenspiel mit der Parallelklasse auf dem Olympia-Sportplatz gegenĂŒber der Bundesbank einen Schlag aufs Knie und, viel schlimmer, ergebnismĂ€ĂŸig derbe auf die Socken bekommen und grĂŒbelte beim ZurĂŒckhumpeln zur nĂ€chsten U-Bahn-Haltestelle darĂŒber nach, wieso die A, die noch schwĂ€cher war als die C, und die wir noch vor Jahren mit 7 : 2 und drei blitzsauberen Toren von mir geschlagen hatten, plötzlich uns zu biss- und kraftlosen Weicheiern degradieren konnte. Dabei hatten die doch mindestens acht oder zehn MĂ€dchen in der Klasse, kriegten also gerade mal so elf Leute zusammen, wĂ€hrend wir als reine Jungensklasse doch im Vorteil sein mĂŒssten. Gut, wir hatten viele sportliche Vollheinis, bei denen du gleich beim Loslaufen gesehen hast, dass ein zusĂ€tzlicher Ball nur ein Verletzungsrisiko bedeuten wĂŒrde. Aber der mysteriöse Zusammenhang mit den MĂ€dchen war beunruhigend, die alte Welt war aus den Fugen. So also ungefĂ€hr die Gedankenwelt des FĂŒnfzehnjĂ€hrigen, der dann Tumordiagnose, Operation und wiederum knapp zweiwöchige Liegerei in der Klinik ĂŒber sich ergehen ließ. Das war nur die gefĂŒhlte VerlĂ€ngerung der Degradierung zum Weichei, die eine neue anonyme Riesenkraft nunmal verhĂ€ngt hatte.


Die medizinische Versorgung war dank meiner sich bis ins Detail kĂŒmmernden Eltern hervorragend. Ich lag in einem Zwei-Bett-Zimmer mit einem freundlichen Ă€lteren Herrn, der seine Ruhe haben wollte und keinen nĂ€heren Umgang. Man ĂŒberhörte höflich und wechselseitig etwaig peinliche KörpergerĂ€usche und ergab sich ansonsten in die Apathie der Heilung. Der Klassenlehrer kam vorbei und ĂŒberbrachte dem noch guten SchĂŒler eine dicke Diogenes-Anthologie mit sorgfĂ€ltiger lateinischer und altgriechischer Widmung. Die Dramatik der Entscheidung, ob es Krebs war, was da im Knie unbemerkt herangewachsen war, und in Folge Bein und womöglich Leben verlorenging, war an mir in GĂ€nze vorbeigegangen, traute man mir nicht zu. Vermutlich hĂ€tte ich es recht gleichmĂŒtig zur Kenntnis genommen. Wozu ein vollstĂ€ndiges Paar Beine, wenn man schon so von der A vermöbelt wird. Und konnte man nicht hoffen, dass ohne Bein das Leben neu aufgemischt wĂŒrde, das kalte Hineingleiten in die hĂ€ssliche Erwachsenenwelt gestoppt? Es kam dann anders, auch damit musste man leben. Ohne TrĂ€nen der Angst oder der Freude nahm die Heilung ihren Lauf in jenem zweckmĂ€ĂŸig komfortablen Krankenzimmer, eine stille Inkubationszeit zu heranwachsendem Schweigen, eine mönchische VorĂŒbung fĂŒr die neuen Regeln, wonach das Wichtigste abgedĂ€mpft wird zu BeilĂ€ufigstem, Verstecktestem.


Soviel Zeit fĂŒr melancholisch zerdehntes Heil oder Unheil lĂ€sst das moderne Krankenhaus in der Regel nicht mehr, der Patient ist gehalten, mit einem hochgetunten Apparat durch Gesundung flotten Schritt zu halten. Einer klassischen LungenentzĂŒndung wegen, die der niedergelassene Facharzt nicht erkennt und nicht behandelt, lande ich, aufgestört vom besorgten Expertenvater, am Sonntagmittag in der Notaufnahme der Uniklinik. In dem kleinen, aus Bett und Stuhl bestehenden und mit VorhĂ€ngen abgeschirmten Diagnoseraum warten wir nach den Basisuntersuchungen stundenlang darauf, dass der Computertomograph frei wird. Die Mitpatienten sind Stimmen, mal wispernd, mal klar die Frage-Antwort-Routinen durchgehend. Viel Rotationsschwindel in hochbeschleunigten Leben und Großstadtverlorenheit vermutlich, hoher Blutdruck, 180, habe vergessen, die Tabletten zu nehmen, Sie sollten doch liegenbleiben, nebenan eine jĂŒngere Frau mit Fieber und komplizierter Vorgeschichte. Dann, es ist schon Abend, löst sich der Pfropf, nach der CT folgt gleich die stationĂ€re Aufnahme.


Kein Hotel, eher Jugendherberge mit offenem Schlafsaal, das freie Bett im 4er Zimmer wird zugewiesen von der besorgten Nachtschwester. Sie warnt gleich, ich solle auf meine Geldbörse aufpassen, sie einschließen im Safe, es werde geklaut, die Polizei sei dagewesen, „und hier“, gesenkte Stimme, „kommt der HauptverdĂ€chtige“, mein Zimmergenosse, wie ich spĂ€ter merke. Junger Kerl, hinkt mit bandagiertem Fuß, legt sich spĂ€ter angezogen zum Nickerchen bĂ€uchlings aufs Bett, was macht der ĂŒberhaupt auf einer Station fĂŒr Lungenkranke? Mein Bettnachbar, prall voll Lebensgeschichte und Krebszellen, hat ein HandygesprĂ€ch mitgehört, dem droht die RĂ€umungsklage von der Mieterin, meint er, der braucht ganz schnell Geld, viel zu teure Wohnung, er habe damit geprahlt, undurchschaubarer Charakter. Er redet schnell und viel, man hat keine Zeit hier, kaum hat man sich einen Reim gemacht auf einen Menschen, ist er wieder weg, entlassen wie der junge Mann anderntags („und passen Sie auf Ihren Zucker auf!“- daher wohl der Fuß, aber wieso lungenkrank?) oder er wird verlegt wie ich, weil ein anderes Bett frei wird und die Neuen unbedingt ins 4-Bett-Zimmer sollen. Es ist ein stĂ€ndiges Kommen und Gehen, die zerfahrene Screwball-Comedy eines demenzkranken Autors, jetzt erscheint ein sanfter Krankengymnastenazubi und ĂŒbt das tiefe Atmen, dann schon Verlegung ins andere Zimmer, erstmal fĂŒr eine Nacht, tatsĂ€chlich nur fĂŒr ein paar Stunden, neben einem röchelnden und schlagenden Altjunkie mit Atemschlauch, der in Endlosschleife nach einem Glas Wasser ruft, zuletzt erscheint urplötzlich der Professor persönlich auf seiner Station und entlĂ€sst mich „angesichts der Bettenknappheit“ in verantwortbare Heimgenesung. Erholung habe ich jetzt auch dringend nötig. (02.09.2012)

 

* Das Folgende bezieht sich im Kern auf Erfahrungen eines gesetzlich Krankenversicherten. Die Rede von der „Erlebniswelt“, mit der die Werbung ihre Produkte abzugrenzen sucht, trifft hier bei grundstĂ€ndiger ExklusivitĂ€t der zwei Typen der Krankenversorgung mal voll ins Schwarze.


 

 

Klingeltondeutsch


Sprechen heißt immer auch Klingeln. Ich schaffe mir Raum, melde etwas, nĂ€mlich mich zu Wort, mache GerĂ€usche, die das ungesagte Chaos wie Magnete EisenspĂ€ne homogen ausrichten. Wo aber das Sprechen sein Subjekt vergisst, sich nur noch Raum und Macht schaffen will und nichts mehr aussagen, gedeiht die Klingeltonsprache, deren Zweck die Auslösung von Respektreflexen ist und die Vermeidung von Augenhöhe mit einem GegenĂŒber. FĂŒr die verdichtete Schrift- form gilt dies im besonderen Maß, wie ich anhand von drei Beispieltexten erlĂ€utern möchte, zwei zufĂ€lligen Lesefunden der letzten Monate und dem Auszug eines öffentlichen und wie davon befeuert recht verbissen gefĂŒhrten ScharmĂŒtzels, das fĂŒr das Zeitalter der Internetforen typisch ist.


Nicht zufĂ€llig entstammt der erste Text dem Bereich der Kunst, wo es, wie in der Werbung, besonders wenig zu sagen, umso mehr aber zu raunen und zu klingeltönen gibt. Das ĂŒber weite Strecken recht sachliche PortrĂ€t einer „großen Hoffnung der jungen deutschen skulpturalen Kunst“ in der „Kunstzeitung“ krönt und beglaubigt sich mit folgendem Zitat aus dem Ausstellungskatalog, in dem die Museumsdirektorin höchstpersönlich aufs Ganze geht:

 

Auf verschwiegenen Wegen...


...kannix sprechen, ist Skultpur...


erschließt Kuhn seinen skulpturalen Spannungsmomenten weite ReflexionsrĂ€ume.


Oder halt seinen ReflexionsrÀumen skulpturale Spannungsmomente, Jacke wie Hose.


KĂŒnstler wie Betrachter finden im plastischen Bild ein GegenĂŒber, das leibhaftige wie mentale Reaktionen herausfordert und zu dem sie so eine persönliche Beziehung aufnehmen können.


Also du Skulptur, ich gucke, bin gerade Museum.


Damit scheint Kuhn den Faden der anthropologischen Konstante in der Geschichte der Skulptur wieder aufzunehmen und eigensinnig fortzuspinnen.


So verschwiegen kann eigentlich nicht mal eine Skulptur sein, dass sie nicht Einspruch erhöbe gegen solch intellektuelles GewĂ€sch ihrer Anpreisung. Sie sollte energisch um Ruhe bitten und um Abschaltung aller Klingeltöne, die aus ihr den fortgesponnenen Faden der anthropologischen Konstante macht. Wobei das Wörtchen „scheint“ im finalen Satz sozusagen einen Klingelton zweiter Ordnung darstellt, ein polyphoner Schlussakkord, der solide anzeigt, dass der Jargon tipptopp bis zum Ende beherrscht und durchgezogen wird, und jeder nahrhafte Rest von Aussage in tönendem DĂ€mmer verlischt.


Auch die Philosophie, die sie doch eigentlich bekĂ€mpfen sollte, ist eine reichlich sprudelnde Quelle fĂŒr Klingeltöne. Nicht selten ist es dabei der Klang des großen Namens, die Höchstnotierung im aktuellen Philosophen-DAX, die eine These mehr noch als Argument und Recherche beglaubigen soll. So erteilt Peter Michalzik in seiner ansonsten lesenswerten Kleist-Biografie in einem kurzen Exkurs zu dessen natĂŒrlichen Gebrauch des Wortes „Seele“ Ludwig Wittgenstein das Wort, der kraft seiner jedermann bekannten Gedankentiefe die Sache rund machen soll:


Am klarsten hat der Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein von der Seele gesprochen: „Wenn sich uns das Bild vom Gedanken im Kopf aufdrĂ€ngen kann, warum dann nicht noch viel mehr das vom Gedanken in der Seele. Wie ist es aber mit so einem Ausdruck: 'Als du es sagtest, verstand ich es mit meinem Herzen'? Dabei deutet man auf's Herz. Und meint man diese GebĂ€rde etwa nicht?! Freilich meint man sie. Oder ist man sich bewußt, nur ein Bild zu gebrauchen? Gewiß nicht.- Es ist nicht ein Bild unserer Wahl, nicht ein Gleichnis, und doch ein bildlicher Ausdruck.“


- und kommentiert dann lakonisch:


Die Seele ist etwas, das da ist und weg, das wir kennen und doch nicht kennen, vertraut und rÀtselhaft.


Am klarsten ist daran noch, dass Edelphilosoph Wittgenstein die Sache fĂŒr den Literaturkenner richten soll, wo der nicht mehr weiter weiß. Statt uns mit dem zeitgebundenen Gebrauch eines aussterbenden Begriffs vertraut zu machen, öffnet, ach was: entsichert er die philosophische PandorabĂŒchse und lĂ€sst sie krachen, die schlauen Sprachklaubereien fĂŒr Kenner. Die Aura entscheidet. Wittgenstein schlĂ€gt Gadamer, Gadamer schlĂ€gt Husserl, und Husserl schlĂ€gt mittlerweile nur noch die Doktorandin Anja MĂŒller, die das Erhellendste von allen beitragen könnte.


AngefĂŒgt werden soll zum Schluss noch ein Musterexemplar jener Durchsetzungsrhetorik, die heute zumal in öffentlichen ForenbeitrĂ€gen und Mailinglisten das polemische Temperament anzeigt. Ich hatte mich etwas unvorsichtig mit einem eigenen Beitrag auf die Lichtung der schon frĂŒher erwĂ€hnten Karl-Kraus-Mailingliste vorgewagt und wurde gleich vom Suchradar des Abwatschers vom Dienst erfasst. Meine Steilvorlage bestand vor allem darin, Obamas Live-Schaltung zur Tötung von Bin-Laden mit einer von Kraus unsterblich gemachten KinovorfĂŒhrung im ersten Weltkrieg zu vergleichen, bei der ein (österreichischer) Armeegewaltiger die verheerende Wirkung neuer Mörsertechnologie mit gemĂŒtsschlichtem „Bumsti“ kommentiert. Der Vergleich hinkt natĂŒrlich, bringt aber KommandiermentalitĂ€ten zur Deckung, die man auch unter Anmerkung der lahmen SelbstverstĂ€ndlichkeit, dass Obama noch den besten aller denkbaren US-PrĂ€sidenten darstellt, fĂŒr skandalös halten kann. Nach bekanntem Reflexschema (kontra Obama – pro Bin-Laden – Skandal!) konnte jetzt drauflosgeschrillt und -geklingelt werden, Auszug:


Und damit es ein bisserl off-topic zu Ende geht: Ich halte Aussagen, wie die, dass der Obama einer „Live-Hinrichtung des Staatsfeindes“ zugeschaut haben soll, fĂŒr – im besten Fall – links-pubertĂ€ren radical chic. Dieses seltsame VerstĂ€ndnis der Lehnsessel-Guerilleros, Taliban-Groupies etc. fĂŒr einen fanatischen Massenmörder ist degoutant.“


Lauter Nadeln, die einen selbstgemachten Fetisch spicken. Dieser Ton versammelt nicht eine imaginÀre oder reale Runde, um in ihr zu diskutieren, er will nur freie Bahn. Die Geste, der Klang soll WiderstÀnde schleifen und das freie, im Eigenen wurzelnde Wort vergrÀmen. (24.08.2012)

 

 


Aus dem WerkzeugkĂ€stchen geplaudert (1) – Gefahren des Steinmetzberufs

 

Ein befreundeter Kollege zĂ€hlte mir einmal vor vielen Jahren, als unser beider Entscheidung fĂŒr die SelbststĂ€ndigkeit schon gefallen war, eine Liste der Gefahren auf, denen der Steinmetz ausgesetzt ist. „Wir haben doch alles“, meinte er mit jenem Unterton, der den Anflug von Heldenstolz gleich ironisch wieder ablöscht, „Staub, LĂ€rm, Gifte in Klebern und Baustoffen, Absturz von GerĂŒsten und Leitern, Verletzungen durch Flex und SĂ€ge, RĂŒckenschĂ€den vom schweren Heben, KnochenbrĂŒche bei umkippenden Steinen, Augenverletzungen durch Splitter. Hab ich noch was vergessen?“


Nein, eigentlich war alles Typische erfasst, obwohl die Liste natĂŒrlich beliebig verlĂ€ngerbar wĂ€re: VerkehrsunfĂ€lle, weil man viel mit dem Transporter unterwegs ist, aggressiv trauernde Kunden, Alkoholismus und Depressionen bei stumpfsinniger und gleichförmiger Arbeit, der auch ein SelbststĂ€ndiger nicht immer entkommt. Die berufsgenossenschaftliche Einstufung in sogenannte Gefahrklassen, die allerdings nur das reine Unfallrisiko abbilden, spiegelt solche Drastik nicht wieder, hier landet der Steinmetz weit hinter Abbruch- und Sprengarbeitern, Zimmerleuten und Dachdeckern im hinteren Mittelfeld. Zu verdanken hat er die KrĂ€nkung seines schwelenden Kriegerpathos natĂŒrlich nur der Vergemeinschaftung zum sogenannten Bauausbaugewerbe mit so bequemen Berufen wie Maler und Verputzer, zu denen gerade der Steinmetz in der Fassadenrestaurierung ein sowieso schon gespanntes VerhĂ€ltnis unterhĂ€lt. Das Unfallrisiko ist aber selbst in solch schwacher Gruppe immer noch 15mal höher als im BĂŒro (das nur bei den imaginĂ€ren Klassen der ausgehenden Gefahren stĂ€rker schwankt zwischen den Extremen von, sagen wir, Investmentbankern und Malariaforschern um den Mittelwert 0 eines normalen SteinmetzbĂŒros).


Das bringt uns zu einer wichtigen Unterscheidung: Es sind die Arbeiter, die Gesellen (und Gesellinnen natĂŒrlich), die ihre Knochen hinhalten im wörtlichen Sinne, wĂ€hrend der nicht mitarbeitende Chef höchstens mal die Baustellen abfĂ€hrt, ansonsten Kundschaft berĂ€t, mit Lieferanten fachsimpelt und, zumal im Kleinbetrieb, viele Stunden mit BĂŒrokram befasst ist. (Eine meiner stĂ€rksten Antriebsfedern, mich selbststĂ€ndig zu machen, war immer der Vergleich mit dem Chef, der sich allzustĂ€ndig durch den Tag plauscht, womöglich dem Angestellten noch den Kundenkontakt verbietet, wĂ€hrend dieser ĂŒber Stunden sein WerkstĂŒck bearbeitet in Gesellschaft lĂ€rmĂŒberplĂ€rrender FFH-Musikburgern und bei den seltenen Unterhaltungen mit Kollegen noch Gefahr lĂ€uft, einen Anschiss zu bekommen.) Nur einmal war ich Zeuge, wie mein ehemaliger Chef und Ausbilder sich spĂ€tabends unter Zeitdruck beim Ausschneiden einer Granitplatte mit der hochschnellenden Flex in Lippe und Nase schnitt. Die Blutung war erschreckend, ließ aber den Gesellen, der sich gerade noch bei mir hinter verschlossener TĂŒr ĂŒber ihn und die miesen Arbeitsbedingungenen Luft gemacht hatte, blitzschnell zu Hilfe eilen und den Verletzten mit umwickeltem Handtuch ins Krankenhaus fahren - die Reflexe der Kleinfamilie funktionieren eben auch bei mĂ€ngelbehaftetem Vorstand. Tage spĂ€ter sah man die Narbe kaum noch, geĂ€ndert hatte sich nur, dass jetzt alle Winkelschleifer Schutzhauben hatten.


Erstes Fazit also: SelbststĂ€ndige arbeiten sicherer, auch im Ein-Mann-Betrieb. Sie sitzen oft am gefahrlosen Schreibtisch, können die eigenen Arbeiten ohne Zeitdruck planen und Gefahrenquellen wie Gabelstapler, Hantieren mit Unmaßplatten und Ă€hnliches meiden. Mit einem besonderen Teil, von dem schon die Rede war, werden sie es aber immer zu tun bekommen, sofern sie ĂŒberhaupt praktisch arbeiten, dem Winkelschleifer. Diese „HandsĂ€ge“ mit ihren 200 Umdrehungen pro Sekunde entfesselt schon in kleiner AusfĂŒhrung KrĂ€fte, die bei Verkantung oder nichthomogenem Material der StĂ€rkste nicht mehr beherrscht. Bei der grĂ¶ĂŸeren Version, die auf Baustellen routiniert zum Einsatz kommt, reitet man endgĂŒltig den Tiger. Vom eingangs zitierten Kollegen stammt die Anekdote, in der sich das rotierende Blatt der durchgehenden Maschine in einer Art Harakiri-Bewegung von unten nach oben durch den Pullover hindurch in den Leib schneidet, Haut, Fleisch und Wolle blutig mischend, sodass die Chirurgen ein paar Stunden zu tun haben, um alle Fussel wieder herauszuzupfen.


Nun hat wohl fast jeder Beruf seine blutige Schauerfolklore, in der ein Schornsteinfeger vom Dach fĂ€llt, den GerĂŒstbauer eine Bohle erschlĂ€gt und die Lehrerin vom Amok laufenden SchĂŒler erschossen wird. Die wahren Gefahren schleichen sich eher leise und ĂŒber Jahre an und schlagen unerwartet zu. Der jĂŒngere Meisterschulkollege hat plötzlich Staublunge, die man als Teil des PrĂŒfungsstoffs schon wieder vergessen hatte, und bekommt Berufsverbot. Ein anderer fehlbelastet den RĂŒcken immer wieder derart, dass er lange ganz ausfĂ€llt und sich mit Massagen und Fitness-Studio die BerufsfĂ€higkeit erst neu erkĂ€mpfen muss. Im Alltag macht nahezu jeder Steinmetz eigene Erfahrungen mit KnochenbrĂŒchen oder Quetschungen, Augenverletzungen und Fingernagelverlusten. Solche meist kleineren Wundmale einer stofflichen Befassung, die lĂ€ngst in unaufhaltsamem Schwinden aus dem Arbeitsleben begriffen ist, verleihen dem Handwerker und im Besonderen seiner archaischsten AusprĂ€gung, dem Steinmetz, beinahe einen Anflug melancholischer WĂŒrde. (27.02.2012)

 

 

Permanenter Kreisel

Ein Auto in der Stadt zu fahren ohne triftigen Grund, ist inzwischen zum sicheren Zeichen von Wohlstandsverwahrlosung geworden. Sie mag sich noch differenzieren vom aufgeblasenen SUV, dem stĂ€hlernen GegenstĂŒck zum Luftbrötchen aus Chemie und etwas Mehl, bis hin zum flinken Kleinwagen, der immerhin der Parkplatzsuche etwas den Schrecken nimmt. Alternativen zu den Leichenbergen an totem Kapital, toter Zeit, toter Umwelt und nicht zuletzt metapherfrei zerquetschten Verkehrsopfern, die der Autoverkehr in Jahrzehnten produziert hat, zu dieser ganzen morbiden Aura, die weder polierter Lack noch prozessorgesteuerte Spielereien ĂŒberspiegeln kann, sind der öffentliche Verkehr und insbesondere das Fahrrad, das an Boden gewinnt. Nicht nur, dass hier der Körper, sonst oftmals bloßer Hirnappendix in aufgezwungenem Sitzkrampf, zu seiner natĂŒrlichen Bestimmung zurĂŒckfindet, nĂ€mlich durch die Savanne zu streifen, nicht nur, dass der ökologische Abdruck dem einer Insektentarse zu einem Brachiosaurenfuß gleichkommt, man ist auch einfach schneller unterwegs.

Das Fahrrad verbindet elegant die FlexibilitĂ€t des FußgĂ€ngers, der durch engste LĂŒcken schlĂŒpft, mit vervielfachtem Tempo, das auf kurzer Strecke zwischen zwei Ampeln mit dem Auto locker mithalten kann. Ein uneinholbarer Vorsprung kommt dann zustande, wenn Radfahrer das Ampelrot zum Vorfahrt-beachten-Schild umdeuten, ĂŒberfahren und sich in den fließenden Verkehr einfĂ€deln. Sie begehen damit nach derzeitiger Gesetzeslage einen Rotlichtverstoß, der umstandslos mit saftigem Bußgeld und Punkten in Flensburg geahndet werden könnte. TatsĂ€chlich bleiben sie hierzustadt meist unbehelligt, zum Leidwesen von ein paar neidischen Autofahrern und der FDP, die sich zuletzt mit Plakaten gegen angebliche Fahrradrowdys als politische ReprĂ€sentantin von SUVs und Luftbrötchen bestĂ€tigt hat. Auch hier wĂ€re es höchste Zeit, wie schon bei der fast flĂ€chendeckenden Aufhebung des Einbahnstraßengebots das Regelwerk der schwarmintelligenten Praxis anzupassen, indem am besten gleich die ganze Flickschusterei von Einzelbestimmungen ersetzt wird durch eine Art historisches Toleranzedikt: FĂŒrs Fahrrad gelten die Regeln des permanenten Kreisels.

Der Kreisverkehr, nach dem Krieg auch in Deutschland noch weit verbreitet, ist ab den Siebziger Jahren rasch von ampelgerechten Kreuzungen verdrĂ€ngt worden, und zwar wegen „MissverstĂ€ndnissen bei den Berechnungsgrundlagen“ (Quelle immer Wikipedia). Ein allerliebster Grund fĂŒr tausende Tote und aberhundert Millionen Euro Verschwendung! Bevor wir jetzt zur Deutschen Bibliothek radeln und anhand der Quellen die Verknotung von Rechenfehlern und Schlamperei samt Schuldzuweisungen enttuckeln, stellen wir uns lieber den Geist von Amtsstuben und Lokalpolitikern, ja, der mehrheitlichen Bevölkerung vor, die ihnen nicht in die Arme gegriffen hat. „Lassen wir doch“, spricht der Geist auf unserer kleinen SĂ©ance, denn er ist zum GlĂŒck weitgehend dahingeschieden, „lassen wir doch die Franzosen Kreisel fahren in ihren schwammigen Rostlauben, wir bauen unsere rechtwinkligen Ampelkreuzungen mit bewĂ€hrter SiemensboschqualitĂ€tselektrik, und außerdem ist es ja wissenschaftlich bewiesen.“ Heute werden fĂŒr sehr viel Geld Kreuzungen zu Kreiseln umgebaut, bei Neubau in der Regel diese vor jenen bevorzugt, sodass die Zeiten nicht mehr fern scheinen, in denen Ampeln wie Dampfloks nur noch aus Liebhaberei betrieben werden.

Das Fahrrad ĂŒbernimmt, so der Vorschlag, die Regeln des fortschrittlichsten Verkehrskonzepts „Kreisel“ und fĂ€delt sich unter Beachtung der Vorfahrt in alle Ströme ein, auf Kreuzungen und BĂŒrgersteigen und allen Mischformen, die dem FußgĂ€nger zugĂ€nglich sind, zu dem sich der Radfahrer in Sekundenbruchteilen verwandeln kann. Es wird endlich auch regeltechnisch zum wahren Mobil, das nichts mehr aufhĂ€lt. Und da es immer etwas Zeit braucht, bis sich eine vernĂŒnftige Regelung offiziell durchsetzt, und dann noch ein paar Jahre, bis sie auch ins Bewusstsein der in allem langsameren Autofahrer durchgedrungen ist (siehe Aufhebung des Radwegezwangs), rufen wir doch heute schon dem grĂ€mlich blickenden Ampelgestoppten ein fröhliches „Noch nix vom permanenten Kreisel gehört?“ zu und ĂŒberlassen ihn seinen Assoziationen zwischen Kamasutra und, ist er vom Fach oder Dauergoogler, dem Kunstradsport, wĂ€hrend wir schon drei Straßenecken weiter sind. (26.01.2012)

 

 

 

 

Friedhofsgeschichten (2) – „Komm, ins Offene!“


DafĂŒr, dass der Tod nicht stumm mache, sondern auch Gelegenheit gebe, ein Leben in einem Nachruf, einer letzten sprachlichen Vignette zusammenzufassen, stehen vielerorts GrabsprĂŒche ein, die im besten Fall denjenigen Trost verschaffen, die ohne einen vertrauten Menschen weiterleben mĂŒssen. Sie variieren von detailreichen und grabsteinfĂŒllenden Lebensgeschichten, die sonst nur gedruckt oder gepostet zu lesen sind, letzten Worten, die sich teils der Verstorbene noch selbst ausgedacht hat und hĂ€ufig das LĂ€cherliche streifen, bis hin zu markanten Zitaten aus Liedzeilen oder klassischer Literatur. Hier besonders birgt das Spannungsfeld von kontextloser KĂŒrze, IntimitĂ€t des Nachrufs und jedermann zugĂ€nglicher Öffentlichkeit das Risiko des saftigen MissverstĂ€ndnisses.


Eine sympathische Ă€ltere Witwe, durchaus literarisch bewandert, zeigte mir einmal mit der Geste faszinierten Ekels, den man einem formschönen Hundehaufen entgegenbringt, einen Grabstein in der NĂ€he ihres Familiengrabes. Die Inschrift bestand aus einem mĂ€nnlichen Namen und der Zeile „Komm, ins Offene, Freund!“ Das seien zwei, sie suchte nach Worten, „Homos, Sie wissen schon“, den Spruch habe der Freund dem Verstorbenen gewidmet, es sei unerhört, „und das auf einem Friedhof!“


Es dauerte eine kleine Weile, bis bei mir der Groschen fiel, und ich den ganzen klaffenden Abgrund hinter dem Hölderlinschen Premiumzitat erkannte (eine SchwĂ€che, die schon zu PubertĂ€tszeiten die Aufnahme in den inner circle der dauerkichernden LogenbrĂŒder der Zweideutigkeit verhinderte). Hatte man aber einmal den Schalter der Perspektive umgelegt wie beim Anblick eines Vexierbildes, so war klar, dass der Tatbestand der öffentlichen Schweinigelei erfĂŒllt war, und wenn der Spruch wirklich von Hölderlin war, womit ich aber bei ihr nicht recht durchdrang, umso peinlicher fĂŒr Hölderlin.


Ach, was fĂŒr ein wunderbar zwielichtsatter Ort ist doch der Friedhof, ein Jungbrunnen, dem runzlige Hochlyrik als praller PennĂ€lerwitz entsteigt, und der letzten Worten den Pathosstaub abspĂŒlt, bis die jugendfrische Phantasie, die mit allen Worten spielen kann, neu erblĂŒht. (30.12.2011)

 

 

 

 

Wunder des Lenkens


Beim Anblick der fast quer zum Bordstein eingeschlagenen RĂ€der am vor Tagen eingeparkten Wagen kommt fast unmittelbar nach der Besorgnis, ob das dem Auto schadet, und der Vornahme, das Thema spĂ€ter zu googlen (was dann zur erwartbaren Verwirrung im Dickicht zahlloser ForenbeitrĂ€ge der Halb- und Viertelexperten fĂŒhren wird) plötzlich einbrechend wie durch ein Loch im Asphalt die Erinnerung an die Kindheit und an den nachhaltigen Zauber, den bewegliche RĂ€der der zumeist nur starr geradeaus fahrenden Matchboxautos ausgelöst haben. ZunĂ€chst kam diese umstĂŒrzende Innovation durch Druck von oben wĂ€hrend des Fahrens auf das eine oder andere Vorderrad zustande, was mir heute als weit grĂ¶ĂŸeres technisches Wunder erscheinen will als das nachfolgende, wie von Außerirdischen kommende Non-plus-Ultra der Spielautos, ein Silberpfeil-Rennwagen mit Lenkrad und großen, freistehenden RĂ€dern. Der reiche Onkel hatte es zum Geburtstag geschenkt und damit den Schlusspunkt gesetzt allen scholastischen Richtungsstreits mit den BrĂŒdern ĂŒber die Rangfolge von Modellen und Farben.


Aber mit Außerirdischem kann man nur eingeschrĂ€nkt spielen, die GrĂ¶ĂŸe und Spurweite passte nicht zu Straßen und Autobahn, vor allem aber nicht zur ĂŒbrigen Flotte der zu grauer Masse abgesunkenen Einheitsmodelle, die mit der Zeit wieder an Charme und IndividualitĂ€t zurĂŒckgewannen: hier ließen sich die VordertĂŒren öffnen, dort sogar die Motorhaube, den weißen Ford fuhr abgewandelt Papa, der mackengetĂŒpfelte Citroen verströmte das Charisma des Fremden. Nach ihrer silberfarbenen Kulmination verloren die beweglichen RĂ€der nach und nach ihr Alleinstellungsmerkmal und wurden Spieloptionen unter vielen.


SpÀter erneuerte sich das verblasste Wunder des Lenkens höchstens noch beim Go-Cart-Fahren (ein Fahrrad lenkt ja nur mit einem Rad und zÀhlt deshalb nicht). Erst das Go-Cart, verpönt bei uns aus unerfindlichem Grund und deshalb nur bei Freunden zu fahren, war wieder eine richtige Lenkmaschine mit richtigem Lenkrad, ein Silberpfeil ohne Abstumpfungs-effekt.


Das Fahren eines richtigen Autos dann entzauberte das Lenken endgĂŒltig, unter den vielen Aktionen, die nahezu automatisiert und zeitgleich ablaufen mĂŒssen, ist es die einfachste und achtloseste. Und heute endlich, in der prozessorgesteuerten Moderne, erscheint in kulturpessimistischer Laune absehbar, dass die primitiven Wunder der Mechanik, wo die Wirkung noch einer halbwegs einleuchtenden Ursache folgt, auch dem Kind als Förderhemmnis entzogen und in den musealen Glaskuben begraben werden. (30.11.2011)

 

 

 

 

 

Reisenotizen (2) – Prag


Reiseziele, mit denen man renommieren kann, werden auch fĂŒr normalsituierte Bewohner unserer Wohlstandszone zunehmend rar. Kallheinz vom Tischtennistraining, der einem mit knapp Achtzig die Vorhand immer noch unerreichbar ins Eck löffelt, war letztes Jahr beim whale watching vor der KĂŒste SĂŒdafrikas, die Schwippkusine Clara reist mit einer Freundin, noch rechtzeitig vor dem Burnout, entlang der Karawanenspuren der alten Seidenstraße, und auf einem Geburtstag unter jungen Leuten wird angeregt ĂŒber eine mehrmonatige Backpacker-Tour durch Indien diskutiert. ErwĂ€hnt man nun leichtfertig die Absicht, fĂŒr ein paar Tage nach Prag zu fahren, stellt sich heraus, dass alle schon in Prag waren und alle Prag schön fanden.


Begibt man sich in der gebotenen BeilĂ€ufigkeit, die auch einem Besuch in Berlin oder MĂŒnchen angemessen wĂ€re, an einem Sommerwochenende nach Prag, so ĂŒberrascht doch, wie eine Stadt, die sich immerhin dem Massentourismus so radikal ausliefert wie kaum eine zweite, ihre Gelassenheit bewahrt. Prag als Einkaufskorb mit Dinnerkreuzfahrt, Großer Burgtour und Schweinebraten vor Stilfassade kann sich der gewöhnliche Prager nicht leisten, er geht, ist er nicht fĂŒr Dienstleistungen engagiert, seiner eigenen Wege außerhalb der Trampelpfade. ZahlenmĂ€ĂŸig den Freizeitinvasoren klar unterlegen, kann man ihn in GruppenstĂ€rke am ehesten noch in Straßen- und U-Bahn oder etwas entlegeneren Parks antreffen. Diskussionen wie in Berlin, wo Politiker die Hotelbettenzahl begrenzen wollen zum Schutz des Milljöhs, scheinen im viel stĂ€rker touristengefluteten Prag undenkbar. Hier unterwirft sich eine ganze Stadt der goldenen Kaufmannsregel, dass nur die aufpolierte Ware den bestmöglichen Preis erzielt.


Die passende Anreise nach Prag ist die Fahrt mit dem Bus und inmitten Ă€lterer Eheleute, die allesamt eine fantastische 4-Tages-Reise beim großen Lidl-Preisausschreiben gewonnen haben. Um halb 5 morgens fahren wir los und dem Veranstalter gelingt das verblĂŒffende KunststĂŒck, im rund 420 km entfernten Prag noch am selben Abend gegen 8 Uhr anzukommen. Dabei werden meine GefĂ€hrtin und ich ununterbrochen von zwei hinter uns sitzenden Damen unterhalten, das heißt, nur eine redet, und wenn das Perpetuum mobile zu stocken droht, wirft die andere ein, fragt etwas, ermuntert. Wir erfahren, dass der Geburtstagsgeschenkkorb der Firma nach eigener Internetrecherche 33 Euro und 50 Cent wert war, was die Beschenkte positiv ĂŒberrascht hat. Und wĂ€ren wir nicht zwischendurch etwas unaufmerksam, wir wĂŒssten am Abend wirklich alles ĂŒber die schwierige Ehe mit Hermann, die topp gepflegte Frau des angesagten Formel-1-Stars und tausend andere MolekĂŒle eines Lebens- und Medienstroms, der keine Unterbrechung kennen darf. Die rasch gestellte Diagnose der Logorrhoe trifft das PhĂ€nomen wohl nur halb, nĂ€mlich seine pathologische und störende Seite. Damit nicht erfasst wird die besondere Mischung aus KunststĂŒck und Barbarei, der vielleicht am ehesten jene Trinktechnik nahekommt, bei der das Wasser direkt und ohne zeitaufwendiges Schlucken in die Kehle rinnt. Wer diesen Trick beherrscht, ist endlich bewunderter Bestandteil der allseitigen Schwemmkommunikation und den Ballast des PrĂŒfens und Schmeckens los.


Drei etwas lĂ€ngere Aufenthalte verzögern die ohnehin von zahlreichen Toiletten- und Rauchpausen unterbrochene Anreise zusĂ€tzlich. Zum einen macht der Bus exakt die Dreiviertelstunde Halt in Karlstein, vor der bekanntesten Burg Böhmens, die der Weg hinauf zur Burg und unmittelbar folgende Abstieg benötigt. Am Nachmittag dann erreichen wir nach abenteuerlichen Fahrmanövern durch enge böhmische Dorfgassen ein Gasthaus mit großem Speisesaal, wo uns der Veranstalter generös zum Mittagessen einlĂ€dt. Bevor das erstmalig und exklusiv von einem 1-Sterne-Koch zubereitete Essen serviert wird, klassischer Knödelschweinebraten, lĂ€uft noch ein smarter Verkaufsprofi zu Hochform auf. Mit der Beredsamkeit eines HĂŒtchenspielers preist er seine Billigreisen an und dirigiert im Anschluss daran eine Verlosung, bei der fast jeder mitmacht. Ich ziehe den schon gezĂŒckten Stift erst im letzten Moment unter dem skeptischem Blick meiner Begleiterin zurĂŒck. Zu gewinnen gibt es natĂŒrlich die schon prĂ€sentierten fantastischen Reisen zu einem Luxushotel in der TĂŒrkei oder Österreich, und zwar zu einem nochmals reduzierten Spottpreis. Die Gewinnquote ist hoch, da gibt es nichts zu meckern, manches Ehepaar am Tisch gewinnt zweifach und wird wie alle anderen genötigt, die Zahlung sofort zu quittieren. Kostenlos spĂ€t zu Mittag gegessen, eine Billigreise gewonnen zu Zielen, die einem vorher unbekannt waren, und nach 13 Stunden so gut wie in Prag angekommen – die Stimmung steigt.

Und droht wieder zu kippen, denn, wir fahren schon auf einer jener Schnellstraßen in den Außenbezirken Prags, deren riesige Reklameriegel mit ihren Preisparolen den nicht mehr so neuen Systemwechsel anzeigen, wir haben in diesem Nirgendwo noch einen weiteren, diesmal rĂ€tselhaften Aufenthalt. Zum ersten Mal kocht Unmut in uns knödelsedierten Gratisrittern hoch. GerĂŒchteweise warten wir auf zwei Konvoi-Busse, dann auf das betriebseigene Buchungspersonal in den noch immer unbekannten Hotels. Offenbar laufen im Hintergrund komplexe und hakenschlagende Operationen ab Ă€hnlich den LeerverkĂ€ufen an der Börse, wo nichts lukrativer ist als der Handel mit Nichts. Schließlich sinken wir alle abends doch noch in unser von drei auf vier Sterne umgebuchtes Bett, das wir uns von der Reiseleiterin noch im Bus aufgurren ließen („das kleine Extra sollten Sie sich gönnen“). Es scheint fĂŒr einen Moment, als schuldeten wir dem unbekannten Makler Dank dafĂŒr, dass er in zĂ€her Arbeit einen Weg gefunden hat, wie wir uns lohnen.

Anderntags dann Prag – eine schöne Stadt, was uns nicht wirklich ĂŒberrascht, vor allem aber voll. AltstĂ€dter Rathaus, Synagoge, KarlsbrĂŒcke, Burg – standhalten oder fliehen? Auffallend sind die Bettler, von denen es im ReisefĂŒhrer hieß, sie seien verboten. Es sind aber einige wenige da, handverlesen wohl wie die Karikaturisten und Kunstgewerbler auf der KarlsbrĂŒcke. Die an Köpfen zahlreiche, dennoch knappe Kaufkraft soll nicht ungeordnet abgeschöpft werden. So bieten sie eine nie gesehene Gegenleistung, ein Schauspiel, eine schmerzende Yogafigur, liefern sich so akrobatisch wie schutzlos auf den Knien, den Kopf im Staub, die HĂ€nde mit der Schale dramatisch hochgereckt wie eine Gottesanbeterin, der Passantenflut aus. Der Widerspruch zwischen Ă€ußerster Körperdisziplin und Demut macht eher schaudern als freigebig. Vielleicht, denkt sich der Hartherzige, sind es professionelle Schauspieler oder Akrobaten, die es nicht nötig haben.

Was auffallend fehlt in Prag sind die Fahrradfahrer, also die selbstbewusste MobilitĂ€t jedes einzelnen BĂŒrgers. TatsĂ€chlich sieht man mehr von diesen grotesken Elektro-Stehrollern, mit denen StadtfĂŒhrungen veranstaltet werden, als FahrrĂ€der. Verkehrsplanerisch nicht vorgesehen und so zu hohem Risiko verdammt, bedĂŒrfte es fĂŒr den Anfang nur eines rebellischen Impulses derart, wie er in New York zu Fixies ohne Bremsen gefĂŒhrt hat. Leider scheint dieser aber den Pragern völlig abzugehen. Die samtene Revolution hat sie so erschöpft, dass fĂŒr die neue, die ölige Revolution gegen die Touristenbesatzung keine Kraft bleibt. (06.10.2011)


 

 

 

 

Kinder und Narren...


In Seckbach ist manchmal ein Mann zu sehen, der in vergangenen Zeiten der Inkorrektheit wohl als Dorftrottel bezeichnet worden wĂ€re. Ausgestattet mit einer roten Warnweste regelt er den Verkehr, sobald ein Auto des Weges kommt. Dann rudert er mit den Armen und winkt lebhaft durch, seine Miene ist freundlich, hĂ€ufig lacht er. FĂŒr den Autofahrer ist Seckbach meist der Stau in der Wilhelmshöher Straße morgens auf dem Weg in die Stadt und abends zurĂŒck ins Umland. Den Anwohnern wird es wie ein Hochwasser vorkommen, das fĂŒr Stunden alles lahmlegt, und gegen dessen giftige Emissionen man TĂŒren und Fenster verbarrikadieren muss. Dann ist es wieder friedlich im Dorf, alle grĂŒĂŸen sich und klopfen auch gelegentlich dem gestikulierenden Narren auf die Schulter. Das Antlitz des freundlichen Dorfs im Ausnahmezustand ist der Dorftrottel als launiger Verkehrspolizist.


Im benachbarten Bornheim, das schon lange kein Dorf mehr ist, irrt am Markt ein junger Mann herum, fĂŒr den sich die Bezeichnung „Trottel“ schmerzhaft verbietet. Anscheinend halb gelĂ€hmt schleppt er sich in bizarrer Haltung ĂŒber den belebten Platz und ruft mit heiser gewordener Stimme in endloser Wiederholung, er wĂŒnsche einen Teller Suppe, er habe Hunger. Den freundlich angebotenen Döner ignoriert er und wiederholt energisch seinen Endlos-Refrain wie ein Kleinkind, das einen Kraftausdruck aufgeschnappt hat. Die Integration kann nicht gelingen, der Mann nervt auch dann noch, wenn er in eine Baustelle hineinzustolpern droht. Nach ein paar Tagen verschwindet er wieder, und nicht nur die CafĂ©- und Ladenbesitzer atmen auf. Eher flĂŒchtige, großstĂ€dtische Erscheinung, sagt auch dieser Narr die Wahrheit. Urbaner Überfluss mit immer dichter aufsprießenden BĂ€ckereien, BiolĂ€den, CafĂ©s und ImbissstĂ€nden hat lĂ€ngst seinen eigentlichen und vitalen Anlass der LĂ€cherlichkeit preisgegeben, er möchte Kaufkraft und keinen Hunger. Unsatt soll er schon sein, der Konsument, und auf fiebriger Suche, die Vielzahl seiner MĂ€ngel durch Kauf zu vermindern. Der verbannte Hunger macht derweil Karriere zur hergeleierten Provokation eines Irren. (13.09.2011)

 

 

 

 

 

Der Steinmetz in der Literatur (3) – Die Stimmen des Flusses


Ein so seltener Beruf wie Steinmetz hat keine bedeutenden Spuren in der Literatur hinterlassen, sollte man meinen. Hat er aber doch, wie meine lose Serie von Buchvorstellungen beweisen will. FĂŒr was steht der Steinmetz in der Literatur, ist er ProjektionsflĂ€che fĂŒr SehnsĂŒchte und Ängste, steht er fĂŒr rohe fĂ€ustelschwingende Kraft, leutselige Handwerker-Biederkeit oder zu Routinearbeiten abgesunkene KĂŒnstlernatur? Und was hat das mit der Wirklichkeit zu tun, wie gut hat der Schriftsteller ĂŒberhaupt recherchiert?

 

Es gibt BĂŒcher, die trĂ€gt man im Kopf herum wie Musik oder die frische Erinnerung an ein unerwartet anregendes Fest, nur ĂŒber eine lĂ€ngere Zeit hinweg. AllmĂ€hlich entsteht eine exotische Parallelwelt zum Alltag mit erst fremden Menschen in fremden Gegenden mit fremden Problemen, die dann gutartig in ihrem Leser-Wirtstier Fuß fassen und sich ausbreiten. Ein solches Buch ist der Roman „Die Stimmen des Flusses“, in dem der katalanische Autor Jaume CabrĂ© auf fast 670 Seiten Ereignisse und Bewohner eines kleinen Bergdorfs in den PyrenĂ€en ĂŒber 60 Jahre hinweg von der Francodiktatur bis heute schildert.


Erste Vertrauensperson und VerbĂŒndete des Lesers bei seinem kunstvoll behinderten Versuch, das verwickelte Geschehen aufzuklĂ€ren, ist die Lehrerin Tina Bros. Ihr ĂŒbertragen wir anfangs so gerne das volle Risiko der investigativen Anstrengungen, wie wir am Ende ĂŒber ihren folgerichtig gewaltsamen Tod erschrecken. CabrĂ© schickt seine Heldin auf den schmerzhaften Parcours der Wahrheitssuche, in dessen Verlauf sorgsam Vertuschtes Zug um Zug aufgedeckt wird. Dabei spielt ein Großteil des Geschehens, das virtuos auf zahlreichen Zeitebenen vor- und zurĂŒckgeblendet wird, wĂ€hrend einer hierzulande eher unbekannten Phase des Francoregimes am Ende des Zweiten Weltkriegs, aus dem es sich ja herausgehalten hat.


Faschismus und Kirche, also weitgehend die alte autoritĂ€re StĂ€ndegesellschaft, haben im BĂŒrgerkrieg gesiegt und verfolgen nun jeden aufflammenden Widerstand bis ins letzte Dorf. Reiche Grundbesitzer erstellen Todeslisten, die von bezahlten Killern halblegal abgearbeitet werden, Kinder werden als Geiseln erschossen, FamilienvĂ€ter, die sich im eigenen Haus ĂŒber Jahre verstecken, denunziert und, notdĂŒrftig als Selbstmord getarnt, am nĂ€chsten Baum aufgehĂ€ngt.


Wunderbar eindringlich entwirft CabrĂ© seine Figuren in einem Umfeld, in dem Überlebensinstinkt und GleichgĂŒltigkeit auf mĂŒhsame Überwindung der Angststarre und Widerstandswille prallen. Da ist der Lehrer, der als Freund des skrupellosen BĂŒrgermeisters umso besser den AufstĂ€ndischen heimlich zuarbeiten kann. Da ist die junge Grundbesitzerin, die fĂŒr ihre Blutrache problemlos einen Vollstrecker findet. Und da ist Serrallac, der Steinmetz des Dorfes, ein Anarchist, der Bakunin liest, aber kein KĂ€mpfer, ein kleiner Handwerker, der mĂŒhsam seine Familie ĂŒber Wasser hĂ€lt und das Gedenken an die Toten – Mörder, MitlĂ€ufer und Opfer – auf steinernen Grabplatten bewahrt.


Hier, bei den Szenen, die den Dorfsteinmetz bei der Arbeit auf dem Friedhof zeigen, spĂŒrt man die Sympathie des Autors fĂŒr seine Figur. Die Namen der Toten, die der Steinmetz unter TrĂ€nen der Wut und der Trauer einmeißelt, sind unauslöschlich, sie können warten, bis ihnen Gerechtigkeit widerfĂ€hrt. Der Steinmetz, darin dem Schriftsteller Ă€hnlich, erzeugt Nachwelt, die eine verkehrte Gegenwart mit vertauschter Orientierung neu bewerten wird. Und muss Serrallac doch einmal einen pompösen Gedenkstein fĂŒr die Sieger meißeln, sorgen seine Freunde aus dem Untergrund fĂŒr dessen unfeierliche Sprengung. Gewalt, der bewaffnete Kampf, ist seine Sache nicht, dazu ist er zu tief mit seiner Familie, dem Beruf, der Dorfgemeinschaft verwoben. Sein Widerstand ist untergrĂŒndig und ohne Opferbereitschaft, aber zĂ€h und dauerhaft wie der Stein, den er bearbeitet.


Höchstes Risiko dagegen geht die Hauptfigur und versteckter Held dieser Zeitebene, der Lehrer Oriol Fontelles, um dessen lĂŒgenbereinigtes Andenken Tina Bros viel spĂ€ter mit den dunklen MĂ€chten vom Big Business kĂ€mpft. Von Frau und Kind verlassen, macht ihn die Verzweiflung zum Mann der Tat in einer damals gar nicht so seltenen Doppelexistenz als Falangist und WiderstandskĂ€mpfer. Als einsamer AttentĂ€ter scheitert er allerdings so jĂ€mmerlich, dass man ihm die zupackende Art des Schreinergesellen Georg Elser, denkmalwĂŒrdigster aller Handwerker, wĂŒnschen möchte. Der Tod des Diktators ist – oder wĂ€re es wenigstens um ein Haar geworden – ein Geselle aus Deutschland, und kein Lehrer, kein General, kein Freiherr oder sonstiger Angehöriger der sogenannten Elite.


Mit seiner an GarcĂ­a MĂĄrquez erinnernden Fabulierlust, gewĂŒrzt mit satirischer SchĂ€rfe, die besonders die katholische Kirche mit verblĂŒffender Insiderkenntnis zu spĂŒren bekommt, gelingt es CĂĄbre, den Spannungsbogen wie bei einem wirklich guten Krimi bis zur letzten Seite zu halten. Am Ende hat Tina zwar in Jaume Serralac, dem Sohn und Betriebsnachfolger des alten Steinmetz, einen Freund und VerbĂŒndeten gefunden. Er trĂ€gt aber fortan die Last der AufklĂ€rung, als die wir den vorliegenden Roman ansehen können, allein. Der Steinmetz mit gleichem Vornamen wie der Autor muss es also richten und wird so endgĂŒltig zum alter ego geadelt.


Ich fasse zusammen: Der Identifikationsfaktor der beiden schlauen und eigensinnigen Steinmetze, Vater und Sohn, ist schon fast beĂ€ngstigend hoch. Geschick und zĂ€he Ausdauer, mit der sie altem Terror und neuer Propaganda widerstehen, haben sie im Umgang mit ihrem Werkstoff gelernt. Lasst ihnen etwas mehr Bildung zukommen und voilĂ , sie entwickeln sich zu veritablen Schriftstellern. Mit Macht drĂŒckt CabrĂ© seine Lieblingsnebenfiguren ans auktoriale Herz. Es ist so schön, dass der leise Wunsch aufkeimt, sich beim nĂ€chsten Buch in unserer kleinen Reihe mit einem ausgepichten Drecksack befassen zu dĂŒrfen. (E.T.A. Hoffmann hat ja bekanntlich im „FrĂ€ulein von Scuderi“ mit dem Fehlgriff bei der Besetzung der Rolle des Bösewichts –  Goldschmied statt Steinbildhauer! - die Chance vermasselt.)


Im RealitĂ€tscheck schneidet Recherchemeister CabrĂ© erwartungsgemĂ€ĂŸ gut ab, er kennt sich auch im Detail aus. Mit einer „SĂ€ge“, die Jaume Serralac vergessen hat, auf den Friedhof mitzunehmen (Seite 79), lĂ€sst sich aber vor Ort kein Stein bearbeiten. Oder ist es ein Fehler der ansonsten vorzĂŒglich lesbaren Übersetzung von Kirsten Brandt? Hier hĂ€tte man die Wahl, ausbildungskorrekt von „Trenn-“ oder „Winkelschleifer“ zu sprechen oder umgangsprachlich von einer Flex. Liebe Leute vom Insel-Verlag: Gebt mir einen Beratervertrag bei geplanter Neuauflage und solche Klöpse werden garantiert bereinigt! (14.07.2011)


Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses. Roman.

Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt.

Insel-Verlag 2007, 669 Seiten.

Auch als Suhrkamp Taschenbuch erhÀltlich.



 

 

 

Karl Kraus und der Klospruch


Karl Kraus ist als wehrhafte Sprachgroßmacht mit zielgenauem, von leichter PrĂ€zisonswaffe bis schwerer Artillerie reichendem Arsenal gegen die Verfertiger wohlfeiler Wortware und jene Frisörillusionisten der Zeitung, die auf Glatzen Locken drehen, unvergessen. Wer der heute grassierenden wasserklaren, von allen Eigenheitsspuren gereinigten Diktion angelsĂ€chsischen Typs ĂŒberdrĂŒssig ist, mag sich an seinen Substantivclustern und syntaktischen Labyrinthen schweißesstolz abarbeiten, um dazwischen immer wieder mit wunderbaren Pointen belohnt zu werden.


Karl Kraus zu lesen ist also harte Arbeit, und so tat ich das, was der moderne Mensch in diesem Fall immer tut auf der Suche nach MittrĂ€gern einer geistigen Last: ich schloss mich einer Mailingliste an. Gleich wurde ich Zeuge eines recht esoterischen GesprĂ€chs zwischen einer Handvoll akademisch geschulter Experten, die mal kostbare FundstĂŒcke tauschten und kommentierten, mal naive Journalismus-Eleven vor branchenĂŒblicher Zitatverhunzung und SchĂ€ndung des Meisters bewahrten, mal sich in der Erörterung sehr entlegener und deshalb sehr langweilender Spezialfragen erschöpften (die Zahnpastamarke des Onkels mĂŒtterlicherseits war allerdings noch nicht Thema).


KĂŒrzlich nun stellte einer dieser Experten einen wirklich schönen Lesefund aus der „Fackel“ Anfang der Zwanziger Jahre vor, der den Sprachgroßmeister scheinbar auf gefĂ€hrlich dumpfen Abwegen, ja Abtritten zeigt,

 

DAS DRITTE WORT – Keine RĂŒcksicht auf die sittlichen Empfindungen aller Ausgesperrten, nur das Grauen vor einem stofflichen Interesse, dessen UnzustĂ€ndigkeit vor der Kunst ich eben dartun will, verhindert mich, den genialsten Reim, das vollkommenste Gedicht hieherzusetzen, das in deutscher Sprache entstanden ist, von einem Kretin oder Tier gelallt, das in diesem unbewachten Moment ein Genie war. Vollkommen darum, weil es, als der bĂŒndigste Ausdruck der vulgĂ€rsten Vorstellung von erotischem GlĂŒck, in einem beispiellosen Zusammenklang der SphĂ€ren nur drei Worte enthĂ€lt und wie der gemeine Sexualwille mit diesem „Ist gut“ noch nie so ein fĂŒr allemal ein Diktum gefunden hat, gegen das es keinen Einwand und ĂŒber das hinaus es keinen Ausdruck gibt.


und frug dann schalkhaft in die Runde, ob es bei der Fahndung nach dem dritten Wort eine Alternative zur Lieblingsvokabel des „Josefine Mutzenbacher“ – Romans gĂ€be (einer PflichtlektĂŒre fĂŒr den Kraus-Kenner, schon allein wegen seines Autors Felix Salten, ach, das fĂŒhrt zu weit). Sofort bestĂ€tigte ein ortskundiger Insider, jedes Kind habe in Wien schon mal den Spruch „Fut ist gut“ auf eine Klo- oder Plakatwand hingekritzelt gelesen.


Das brachte nun die halbe Mailingliste in Wallung und man ĂŒberbot sich fortan in der PrĂ€sentation kurzweiliger Klo- und ObszönsprĂŒche, wohl um ebenfalls den unbewachten und flĂŒchtigen Moment der GenialitĂ€t zu erhaschen. (Auch mir stand flugs ein einschlĂ€giger Spruch meiner BerufssphĂ€re vor Augen, in dem das gemeine Sexualinteresse des Azubi, eine lebensnahe Ausbilderdidaktik und die, ja, Magie des Reims selbdritt und wundersam zusammenklingen, und der geht so: Die SĂ€ge und den 
 gebraucht man immer ganz.)


Nun wĂ€ren wir eigentlich am Ende unserer Klosse, aber der Mensch, hat er einmal ein RĂ€tsel gelöst, handele es sich um den Beweis der PoincarĂ©-Vermutung oder das fehlende dritte Wort eines Klospruchs, fragt weiter. So verblĂŒffte mich der Wienkenner mit der Feststellung, jener „genialste Reim“ sei heutzutage oft in dem Satz „AUTO IST GUT“ versteckt nach HinzufĂŒgen eines Strichs vom „F“ zum „A“ und angehĂ€ngtem „O“. Eine ErklĂ€rung dafĂŒr blieb er schuldig, sie ist aber auch vermutlich Ă€hnlich komplex wie die eines mathematischen JahrhundertrĂ€tsels.


Sind das nun selbsternannte (oder gar offizielle) SittenwĂ€chter, die nur den Aufwand des kompletten Übermalens scheuen, und das AnstĂ¶ĂŸige zu Banalem entschĂ€rfen? Ist das der Sieg der konsumgeilen Auto-Erotik ĂŒber den gemeinen Sexualwillen, der sich aber doch gerade beim Kritzeln auf dem Klo so unverwĂŒstlich zeigt? Oder setzt sich hier einfach die Lust am Wortspiel und -bild durch in einer Art kreativer Entleerungseuphorie? FĂŒr Karl Kraus die VerstĂŒmmelung der magischen Verbindung von Sex und Reim (woraus moderne Buchkonzerne Sex and Crime gemacht haben) lĂ€sst sich der neue, so nichtssagende Satz auch milder bewerten, als Urform des anderen Humanums, des menschlichen Spieltriebs. (3.12.2010)



 

 

Nachholende Schlagfertigkeit



Schlagfertigkeit, also die Gabe der ansatzlos raschen, witzigen Erwiderung auf ein unkalkulierbares Ereignis, gehört wie ĂŒberragender Reichtum oder Schönheit zu den menschlichen Attributen, die den anderen, nicht uns vorbehalten sind. Es sind aber nicht so viele, dass man sich seines Mangels schĂ€men mĂŒsste. GegenĂŒber Schönheit und Reichtum hat die Schlagfertigkeit den Vorzug eines geringen Neidfaktors, der Spaß am schnellen Bonmot gehört sozusagen allen.


So freute es mich kĂŒrzlich, schon im zugigen OP-Kittel und in Erwartung der Abfahrt meines Rollbettes zu einer kleineren Beinoperation, einen Mitpatienten auf die Frage, welches Bein denn betroffen sei (was ich noch kurz zuvor mit der drögen Auskunft „das rechte“ beschieden hatte), antworten zu hören: „Gut, dass Sie fragen!“ Die entstandene kleine Heiterkeit milderte meine NervositĂ€t vor dem kommenden chemisch reinen Schlaf, die Panik war im Keim erstickt.


Auf dem kleinen Dorffriedhof einer Gemeinde, die sich mangels veritablen GewĂ€ssers „am Taunus“ nennen muss, hieb ich unlĂ€ngst mit dem Spaten auf eine armdicke Baumwurzel neben einem Erdgrab ein, um Platz fĂŒr das Fundament zu machen. Eine etwa mittelalte Frau eilte mit gefĂŒllter Gießkanne vorĂŒber und rief „Machen Sie nicht so einen LĂ€rm, sonst wacht er noch auf!“ Ich mag ja solcherart geerdeten Humor, erwiderte, da mir nichts Witziges einfiel, irgendetwas nebenhin, sodass eine kleine Unterhaltung zustandekam. WĂ€hrend ich mich anschließend wieder an der Wurzel zu schaffen machte, grĂŒbelte ich ĂŒber eine spritzigere Antwort nach, kam aber ĂŒber ein „Der wacht erst beim JĂŒngsten Gericht auf“ nicht hinaus, also selbst mit nachgeschobenem „Und den Schallpegel schaffe ich nicht“ kein wirkliches Top-Bonmot. 


Es steht wohl allgemein nicht gut um die nachholende Schlagfertigkeit, die anscheinend unheilbar krĂ€nkelt an des Gedankens BlĂ€sse wie an falschem Timing, gleich einem prĂ€zise eingeforderten Paukenschlag im Großen Orchester, der sein zögerndes Aussetzen ein paar Takte spĂ€ter nicht mehr gutzumachen vermag. Eine Rettungsmöglichkeit bietet nur das Schreiben, das auch zĂ€h ergrĂŒbelten Pointen eine Chance lĂ€sst. (14.11.2010)

 

 

 

 


 

 

 

 

Stay Friends


KĂŒrzlich traf ich C. wieder, die mir Neues von L. berichtete, der sich gerade erst von einer Phase tiefster Depression erholt hatte. L. war mein MitschĂŒler im Kantgymnasium gewesen, ein, wie man so sagt, Elitegymnasium und das verkommenste der ganzen Stadt. Über die Jahrhunderte seiner Existenz hat es nur Verheerendes in den Köpfen seiner SchĂŒler angerichtet, dachte ich, wĂ€hrend C. von L. berichtete, statt Bildung hat es Arroganz und RĂŒcksichtslosigkeit hervorgebracht, statt Lebensmut und Gemeinsinn niederschmetternde Depressionen und Selbstmorde. UnzĂ€hlige SchĂŒler sind an dem kalten Drill dieser Seelenzerstörungsanstalt zerbrochen, nur die robustesten und damit naturgemĂ€ĂŸ dĂŒmmsten haben ihn ĂŒberlebt. Juristen haben ihre Kinder aufs Kantgymnasium geschickt, um aus ihnen AnwĂ€lte oder Juraprofessoren zu machen, und die dĂŒmmsten von ihnen, also die, die das Kantgymnasium ĂŒberlebt haben, sind auch AnwĂ€lte oder Juraprofessoren geworden. Die Kinder aus Zahnarztfamilien, hatten sie mit viel GlĂŒck und noch mehr Dummheit den geistlosen Notendrill ĂŒberlebt, sind wieder ZahnĂ€rzte geworden, aus Managerkindern wurden Manager, aus Urologenkindern Urologen, das Kantgymnasium hat die Phantasie seiner SchĂŒler bei der Berufswahl nicht gerade beflĂŒgelt, dachte ich auf meinem Sofasessel, wĂ€hrend C. Kaffee nachschenkte. Wer als junger SchĂŒler nur ein QuĂ€ntchen Intelligenz und Phantasie mitbrachte ins fĂŒrchterliche Kantgymnasium, dem wurden es rĂŒcksichtslos und, wie man sagen muss, restlos ausgetrieben. Die einzige Zuflucht fĂŒr diese an sich Todgeweihten ist tatsĂ€chlich die Musik gewesen, dachte ich, wĂ€hrend C., eine hervorragende und vom Kantgymnasium verschont gebliebene Pianistin, in ihrer Leidensgeschichte von L. fortfuhr. Nicht dass die Musiklehrer einen Deut besser waren als ihre samt und sonders pĂ€dophoben Kollegen, im Gegenteil waren sie noch weitaus schlechter in diesem drill- und bedeutungslosen Fach. Hatte ein SchĂŒler aber GlĂŒck und beispielsweise ein muskalisches Elternhaus, naturgemĂ€ĂŸ niemals, wie gesagt werden muss, ein juristisches, also das allerstumpfsinnigste, eher schon ein Arzt-Elternhaus, wo regelmĂ€ĂŸig die klaffendste Sinnleere zur Musik hindrĂ€ngte, ja hinzwang, oder kam ihm sonstwie der Zufall zuhilfe, so gelang es ihm nicht selten, der vorbestimmten, gleichwohl tödlichen Juristen- und Ärztelaufbahn zu entkommen, wurde Jazztrompeter, Quartettviolinist oder Zirkusorchestermusiker und war gerettet. (28.08.2010)

 

 



Der Steinmetz in der Literatur (2) – GĂŒnter Grass

 

GĂŒnter Grass war Steinmetz. Diese Tatsache wird mir immer mal wieder von der Seite zugeraunt von Leuten, die mir Mut zusprechen wollen in meiner Untergrundexistenz als lese- und schreibaffiner Handwerker. Es gibt, so die durchaus wohlwollende Botschaft, eine schmale Passage zwischen den beiden Weltmeeren praktischen Tuns und verfeinerter Kultur, zwischen Baustelle, Maschinenstaub und Flaschenbier einerseits und dem entfesselten Reflexionsraum avancierter Literatur - und die heißt GĂŒnter Grass.

 

Nun ist das, wĂ€re es wirklich so gemeint, natĂŒrlich blĂŒhender Unsinn, wenn ĂŒberhaupt hat (im deutschsprachigen Raum) nur die DDR VerhĂ€ltnisse geschaffen, in denen Schreiben und Maloche unter Druck zu Neuartigem kristallisierte. GĂŒnter Grass jedenfalls hat Zollstock und FĂ€ustel ziemlich schnell wieder weggelegt, als es dann ernsthaft ans Schreiben und Dichten ging. Immerhin gab er noch 1960, die „Blechtrommel“ war schon erschienen, bei einer Umfrage zur sozialen Lage der Schriftsteller zum Besten, er sei „als gelernter Steinmetz in der Lage, notfalls, sollte man mir eines Tages das Kochen, Schreiben und Zeichnen verbieten, auf den Bau zu gehen und Muschelkalkfassaden zu versetzen“ (aus Jörg Lau: Hans Magnus Enzensberger – Ein öffentliches Leben, danke Tscho!).

 

Muschelkalkfassaden? Das sind doch diese betongrauen RiesenwĂ€nde an Protz- und Prunkbauten wie TribĂŒnen, Stadien, Banken oder AutobahnbrĂŒcken, deren Material schon die Nazis als urdeutschen Naturstein so liebten? Aber ehe wir Grass wieder eine uneingestandene Verbindung zu trĂŒber Vergangenheit unterstellen (und damit den MaßfĂ€lschern moralischer Fallhöhen in die HĂ€nde spielen), sei doch klargestellt, dass sich Muschelkalk auch nach dem Krieg noch weiter Verbreitung und großer Beliebtheit erfreute. Nein, die Steinsorte verspricht hier gar keinen Erkenntnisgewinn, eher schon die demonstrative Erdung eines „jungen Wilden“ in seinem erlernten Handwerk. Wie schon Jörg Lau in seinem Buch feststellt, ist die behauptete Bedrohung kĂŒnstlerischer Produktion in der Adenauerzeit nicht ganz frei von Pose, war doch Grass als treuer ParteigĂ€nger der SPD kommunistischer Umtriebe weitgehend unverdĂ€chtig. Nebenbei wirkt es auf mich wie die Andienung an die klassisch sozialdemokratische Facharbeiterschaft, in der sich der kĂŒnftige Weltschriftsteller zu verankern suchte.

 

Heute, da sich die Milieus weitgehend undurchlĂ€ssig ihre Stars erbrĂŒten und die Kontrolle ĂŒber die KanĂ€le zum Publikum alles ist, erscheint ein solches Bekenntnis anachronistisch. Eine Versuchung geht von ihm aus, sich nostalgischer Wehmut und wohlig-stolzen GefĂŒhlen zu ĂŒberlassen. Wir Steinmetze mĂŒssen jetzt tapfer sein: GĂŒnter Grass war der letzte von uns unter den NobelpreistrĂ€gern, danach kommt nichts mehr. Wir sind wieder allein unter unseresgleichen auf der Baustelle, mit Flaschenbier und Maschinenstaub. (11.03.2010)

 

 

 

 

Der Steinmetz in der Literatur (1) – Raabe Baikal

 

Das Alpha und mit nur geringer Übertreibung auch das Omega der Steinmetz-Literatur ist fĂŒr mich der einzige Roman des jungen Schriftstellers Thomas Strittmatter mit dem seltsamen Titel „Raabe Baikal“. Aus dem Schwarzwald stammend ist er nicht verwandt mit seinem Namensvetter und Ost-Kollegen Erwin, dessen Bekanntheitsgrad er nicht mehr erreichen wird, da er 1995 im Alter von 33 Jahren an einem angeborenen Herzfehler starb. Immerhin brachten ihm frĂŒhe TheaterstĂŒcke, Arbeiten fĂŒr den Film und nicht zuletzt sein 1990 erschienener Roman zahlreiche Preise und posthum die Namensgeberschaft fĂŒr sein frĂŒheres Gymnasium in St. Georgen ein.

 

„Raabe Baikal“ schildert die Lehr- und Wanderjahre des jungen Titelhelden in vielen kurzen Kapiteln mit knappen Szenen, spröden Geschichten rund um eine Handvoll MitschĂŒler, Internatspersonal und weiteren Bewohnern einer lĂ€ndlichen Gegend im Schwarzwald. Hier verlĂ€uft das Leben vorbestimmt, durch Familienstellung und Beruf festgezurrt, und nur das Sterben, die Aussicht des nahen Todes, macht genĂŒgend KrĂ€fte frei, sich radikal zu erkennen zu geben. So grundiert der Tod in allen Abschattungen von Groteske zur BanalitĂ€t die Geschichten um den dĂŒsteren SchĂŒler Raabe, der folgerichtig bei einem Grabsteinmetz in die Lehre geht.

 

Das AufnahmegesprĂ€ch und die erste Unterweisung mit dem hölzernen Schlagwerkzeug, dem KnĂŒpfel, ist so lebensnah und witzig beschrieben, dass den InnungsverbĂ€nden nahezulegen ist, die Szene tausendfach kopiert unter die AbschlussjahrgĂ€nge zu bringen. Der raue Meister, der allein in seiner Werkstatt und von Wodka, Stallhasen und Selbstgedrehten lebt, manövriert Raabe, der natĂŒrlich die Biografie von Michelangelo gelesen hat, geschickt in ein spontanes Bekenntnis, KĂŒnstler werden zu wollen. Sofort legt er los:

 

Also halt die Klappe und paß auf. Ich bin kein KĂŒnstler. Du kannst von mir aus einer werden. Ich bin ein Steinmetz, ein Handwerker, ein Arbeiter. Und weißt du, wovon ich lebe? Im Durchschnitt werden hier, auf zwanzig Kilometer, fĂŒnf pro Jahr ĂŒberfahren. Oft Alte, aber dieses Jahr schon drei Kinder, eine HirnhautentzĂŒndung. Tausendzweihundert Mark pro StĂŒck. Bei den Erwachsenen zweitausend. Manchmal bis zu viertausend. Ich arbeite billig. Viel zu billig. Hergottzack.

 

Dann folgt die Unterweisung mit dem KnĂŒpfel, sĂŒdbadisch Klöppel, und Raabe besteht die PrĂŒfung (oder eher Initiationsritual) mit einem wohlgezielten Schlag auf einen Hasenkopf. Nun beginnt fĂŒr ihn eine harte, aber erfolgreiche Lehrzeit, in der er nicht nur Staub, LĂ€rm und Wunden, also die zwangslĂ€ufigen Steinmetz-Ingredienzen auszuhalten lernt. Sondern auch in ausbildungspĂ€dagogisch hervorragender Weise die wichtigsten traditionellen Techniken, angefangen mit dem Ausnehmen und Zubereiten von Hasen, Tabaktrocknung, Drogenkunde, Steinbearbeitung bis hin zu Liebe und Sex im nahegelegenen Waldbordell.

 

Nun empfehle ich keineswegs, die erfolgreiche Tierschlachtung in den PrĂŒfungskanon zum Steinmetz aufzunehmen. Aber die Vorstellung vom Steinmetz als letztem Reservat des Elementaren, der Zivilisationsverweigerung, als aussterbende Existenzform, die mit bloßen HĂ€nden, nur mit Hammer, Meißel und Stein ihr karges Brot verdient, entfaltet ihren stillen Zauber fĂŒr mich immer dann, wenn ich einem Kollegen begegne, der sich vom Gebietsvertreter Aldi-SĂŒd nicht sonderlich unterscheidet.

 

Ich fasse zusammen:

Der Identifikationsfaktor fÀllt zwiespÀltig aus. Einerseits ist die Figur des Steinmetz mit Sympathie gezeichnet. Seine SouverÀnitÀt schöpft aus dem intimen Umgang mit dem belebten und unbelebten Elementaren. So etwas schmeichelt. Andererseits möchte niemand an Steinstaub oder Lungenkrebs oder einseitiger ErnÀhrung verrecken, was die schon zwangslÀufige Folge solcher Lebensweise ist und im Buch handfest beschrieben wird. Offenbar lÀsst dieser Beruf die Wahl zwischen Extremen, was auf unserem weiteren Erkundungsweg durch die Steinmetz-Literatur noch nÀher zu untersuchen sein wird.

 

Im RealitĂ€ts-Check schneidet das Buch sehr gut ab, fast alles stimmt. Eine Kleinigkeit ist zu monieren: Wenn der Apotheker zum Aufwecken des Meisters dem Blatt einer SteinsĂ€ge mit seinem Regenschirm einen Schlag versetzt, ertönt wohl eher ein leichtes Scheppern als das literarisch großartigere „bebende GerĂ€usch“ wie vom „Gong eines tibetanischen Klosters“ (S. 133). Wirklich laut wird es, wenn man mit dem Vorschlaghammer das mannshohe Blatt einer BlocksĂ€ge richtet, wie ich es mal in einem Schweizer Granitwerk gesehen habe (ĂŒbrigens nicht weit vom Ort der Romanhandlung entfernt). Etwas Unbehagen löst bei mir auch die Fertigstellung des Marmorgrabsteins fĂŒr den toten Meister durch Raabe aus. Dieser arbeitet das riesige WerkstĂŒck zu einem handlichen viereckigen WĂŒrfel herunter „bis er mit der Zeichnung (= Maserung, J. R.) zufrieden war“ (S. 292). Was fĂŒr eine Verschwendung! Und wenn dann, auf den letzten Seiten des Buchs, die Versetzaktion beim Überqueren der Autobahn abgebrochen und der Brocken auf die linke (!) Fahrspur abgekippt wird, so gruselts mir doch ein wenig vor solch kantiger Symbolik, und sachte wĂ€chst (das Buch ist schon lange zugeklappt) echtes MitgefĂŒhl mit dem Aldi-SĂŒd-Gebietsleiter, der just hier im silbergrauen BMW einem wichtigen Termin entgegeneilt... (03.02.2010)

 

Thomas Strittmatter: Raabe Baikal. Roman.

Diogenes Taschenbuch 2000. 296 Seiten, 9,80 Euro.

 

 

 

Reisenotizen (1) – Ungarn

 

Ungarn, kleines weites Land der Felder und Wiesen, von BĂŒschen, WĂ€ldchen und Unkraut, von staubigen Dörfern mit KĂŒrbisstĂ€nden, vor denen KopftuchmĂŒtterchen sitzen ohne Zeit und Ziel, und charmant bizarrem Kabelgewirr von Strom und Telefon, wie privat, nach Feierabend, mit sparsamem Materialeinsatz aber Improvisationstalent verlegt, von StĂ€dten, die ihre sanierten DenkmĂ€ler und LĂ€den den Touristen darbieten neben vergilbenden, zerbröckelnden Fassaden und ZĂ€unen, wo ein rĂ€tselhaftes FĂŒllhorn zufĂ€llige Wohlstandsorte erblĂŒhen lĂ€sst aus Marmor und Bronze, strahlenden Farben und teurer Importmarke, und ein ebenso rĂ€tselhafter DĂ€mon der Amnesie daneben Zonen der Verödung und des Verfalls markiert, Land der schneidigen Uniformen von der k.u.k. Buntheit bei StationswĂ€rterinnen auf Provinzbahnhöfen bis zum Sheriffschwarz der patroullierenden rendörsĂ©g mitsamt seit Kojak-Tagen ungehörtem Sirenengeheul, Land des Nationalstolzes mit der sicherlich höchsten Dichte an Bronzestatuen, -köpfen und -plaketten von manchmal bekannten, meist völlig unbekannten, jedenfalls toten Ungarn pro Quadratmeter und Land der Krise, wo die studierten Kinder zurĂŒck mĂŒssen ins elterliche HĂ€uschen im Dorf ohne gutbezahlten Job in Bank oder Versicherung, und elado – zu verkaufen – zum einzigen Wort Ungarisch avanciert, das Touristen bei der Abfahrt beherrschen, gelesen unzĂ€hlige Mal an FerienhĂ€usern, GrundstĂŒcken, GeschĂ€ften.

 

Und Land ohne cigĂĄny, die vor vielen Jahren noch fĂŒr den Ruf als lustigste Baracke des Ostblocks zustĂ€ndig waren, ĂŒberall gegenwĂ€rtig, wo die Stimmung zu heben, das Kleingeld zu lockern war, und jetzt weg sind, verschwunden von der BildflĂ€che, verdrĂ€ngt wohl von der wachsenden Konkurrenz im Billiglohnsektor, die sich aber auch verstecken mĂŒssen vor den Geschichten, die Ungarn wie Marica erzĂ€hlen, eine kultivierte sympathische Rentnerin, Gespenstergeschichten, erzĂ€hlt in klingendem Deutsch, das sie von Touristen lernte in den goldenen Jahren, als ihr Mann noch die Westautos gegen Devisen reparierte, mit einem so abgefeimt winzigen Kern an Wahrheit, dass ein paar Klicks Recherche im Internet genĂŒgen, den Spuk zu beenden.

 

Denn nicht die Roma waren es, die den harmlos feiernden Handballstar auf Herz und Nieren prĂŒften nach Zigeunerart, also die Organe nach prĂ€zisen Messerschnitten als Ganze mitgehen ließen - um sie habgierig an den internationalen Organhandel zu verhökern? - oder als Reliquie an einen besonders fanatischen AnhĂ€nger des LC Vezprem? - oder ihren indischen Vorfahren nach streng geheimen Ritual zu opfern? - nein, ein gewöhnlicher Chirurg entfernte wĂ€hrend der Notoperation die Niere, so weit korrekt, Marika, allerdings eines Kollegen dieses Handballstars, und das durchaus prĂ€zise, nĂ€mlich mit Skalpell, nachdem dieser Kollege dem Handballstar im Tumult einer wilden SchlĂ€gerei zu Hilfe eilte und in den RĂŒcken gestochen wurde, was bei weitem nicht nett war, vielmehr durchaus brutal, aber doch im Rahmen eines spukfreien Verbrechens, in dessen weiterem Verlauf der berĂŒhmte HandballhĂŒne im Handgemenge zu Tode kam, erstochen von kriminellen Roma, um sogleich verklĂ€rt zu werden zum Heldenmythos, gemeuchelt nur von einer Übermacht von Vampiren, die wer weiß welche Propaganda, welche Zeitung ins Leben rief, gegen die jedenfalls unsere vielgeprĂŒgelte Bild-Zeitung das Verlautbarungsorgan des Bundesverfassungsgerichts ist. (20.12.2009)

 

 

 

Friedhofsgeschichten (1) - Das Eichhörnchen im Tiefgrab

 

Dem Friedhof als grausigem Niemandsort, wo der Wind an den Gebeinen die Harfe streicht, begegnet man nur im Groschenheft. Dennoch gehen viele Leute nicht gerne dorthin. Das liegt aber nicht an den gepflegten GrĂŒnanlagen, die webfein gerastert und geregelt sind wie Parzellen von organisierten KleingĂ€rtnern. Eher liegt es am VerhĂ€ltnis zum Tod, der wohl fĂŒr viele ein innerer WeggefĂ€hrte, aber kein fassbarer Ort sein kann.

 

Dabei gewinnen gerade die grĂ¶ĂŸeren Friedhöfe mit viel Baumbestand in manchen Momenten ihre Magie zurĂŒck, die doch eigentlich gebannt war. Wer kann sich ihr entziehen, wenn im Herbst oder Winter eine rasche DĂ€mmerung den VerspĂ€teten zur Eile antreibt (denn die Unwirtlichkeit der Dunkelheit nicht zu spĂŒren ist ein Privileg der Toten) - und wĂ€hrend Licht und Farben sacht verlöschen, erscheinen, leicht tĂ€nzelnd oder bewegungslos wie Sterne, die ewigen Lichter der Toten und leuchten dem Gast freundlich hinaus? Oder ist es etwa nicht Magie, wenn an einem hellen Sommertag der Blick in eine kleine grĂŒne Allee aus BĂ€umen, BĂŒschen, Wiesen, Brunnen, GrĂ€bern fĂŒnf kreuzende Eichhörnchen auf einmal erfasst wie flinke Handelsreisende, die das TagesgeschĂ€ft des Lebens besorgen fĂŒr ihre bequeme, lĂ€ngst zur Ruhe gesetzte Herrschaft?

 

Und natĂŒrlich ist der Friedhof ein idealer Ort zum Arbeiten, im GrĂŒnen und ungestört. In meiner Zeit als Geselle im Frankfurter Westen, als ich mit meinem jungen Chef ein Arbeitsgespann abgab, das fast tĂ€glich hinausfuhr zu einer Handvoll Friedhöfe des Einzugsgebiets, trafen wir einmal einen Trupp Arbeiter, die sich ĂŒber ein offenes und verschaltes Tiefgrab beugten. Ihr AnfĂŒhrer war ein krĂ€ftiger, schon Ă€lterer BaggerfĂŒhrer, gefĂŒrchtet bei Kollegen und Steinmetzen gleichermaßen fĂŒr die zackigen, rĂŒcksichtlosen Drehungen und Absenkungen der Schaufel (- derselbe ĂŒbrigens, von dem man erzĂ€hlte, er habe Monate spĂ€ter sein durch eine Kippe in Brand geratenes ArbeitsgerĂ€t seelenruhig verlassen, sei dann zurĂŒckgekehrt, um die Tasche mit dem FrĂŒhstĂŒck zu retten,  und habe sich schließlich gemĂ€chlich auf den Weg gemacht, den Vorfall zu melden - ein sicherer Nachweis solider NervenstĂ€rke, den seine Vorgesetzten wie gewĂŒnscht mit der vorzeitigen Verrentung honorierten).

 

Dieser Grobian, nennen wir ihn Gruber, war schon eine ganze Weile mit seinen Kollegen damit beschĂ€ftigt gewesen, ein Eichhörnchen zu retten, das in das Grab gefallen war und an den glatten WĂ€nden nicht mehr herausfand. Einer stieg zur Grabsohle hinab und scheuchte das wie angestochen herumspringende Tierchen nach oben. Gruber, der nach einem krĂ€ftigen Biss die Handschuhe ĂŒbergestreift hatte, versuchte, in AbschĂ€tzung der Laufwege, den FlĂŒchtigen zu greifen. Was dann, unter GelĂ€chter und Zurufen, schließlich auch gelang.

 

Mag sein, dass dem Eichhörnchen der Sympathiebonus zugute kam, den eine stets putzmuntere AgilitĂ€t gewĂ€hrt (im Gegensatz zu, sagen wir, einer ziemlich chancenlosen Erdkröte). Mag auch sein, dass es pragmatische GrĂŒnde fĂŒr die aufwendige Hilfsaktion gab (eine Beerdigung mit totem oder wild herumflitzendem Eichhörnchen macht sich nicht gut). Es soll eben alles seinen geregelten Gang gehen auf dem Friedhof, wo die versĂ€umte Lebensrettung einer Störung der Totenruhe gleichkĂ€me. (26.01.2009)

 

 

 

Isso

 

Im Ozean der alltĂ€glichen GerĂ€usche und Töne, die in unser Ohr dringen, gelingt es ein paar von ihnen, nicht gleich wieder vom nĂ€chsten Laut hinweggespĂŒlt zu werden. Am Grund des Stroms festgeklammert, genĂŒgt ein Zufall, ein neuronaler Blitz, und sie sind wieder da – hell, banal, berauschend, quĂ€lend.

 

Solcherart suchte mich kĂŒrzlich das Wörtchen „Isso“ heim. Ich erkannte es schnell als Satzbrocken, nĂ€mlich ein spezifisch hessisch eingefĂ€rbtes, jedenfalls souverĂ€n verkĂŒrztes „Ist so“ bzw. „Es ist so“. Und schnell stand mir auch der Urheber vor Augen, eine Art fliegender Hausarzt fĂŒr ElektrogerĂ€te, dessen stattliche, ja feiste Erscheinung bestens mit allen Ă€ußerlichen Insignien der MobilitĂ€t wie schwarzer Maschinenkoffer, Headset und Bluetooth-Handy zusammenklang.

 

Die performance dieses ZehnkĂ€mpfers der Kleingewerbe-Olympiade beeindruckte: Er wippte die SpĂŒlmaschine wie eine Grabstele auf der Kante der Standfuge zur Seite, löste und bog Verblendungen, terminierte schon mal ĂŒber Headset den nĂ€chsten Auftritt bei einer verzweifelten Hausfrau, erkundigte sich im Lager nach der Lieferbarkeit eines Ersatzteils, hustete donnernd und pfeifend ab – und alles das nicht selten zur gleichen Zeit.

 

Und immer wieder fiel in den GesprĂ€chen des gewieften multitaskers jener Universallaut der TĂŒchtigen und ganz Diesseitigen und schwemmte Zwielicht und Zweifel hinweg. Die Reparatur war teuer - nun ja: Pech gehabt, und ich wars zufrieden. Isso. (24.05.2008)


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