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Wo gehobelt wird, fallen Späne, wo gemeißelt wird, fliegen Splitter. Also Reste und Funde, Reflexionen und Schnurren: der Steinmetz unplugged. Bitte Schutzbrille aufsetzen!

 

 

Schäuble,

 

unser Finanzminister, gilt als Musterexemplar des durchsetzungsstarken und kompetenten Fachpolitikers, fest verankert im Nirgendwo der „bürgerlichen Mitte“. Ihm fällt jetzt geradezu naturgemäß die Rolle zu, die aufmüpfigen Griechen, ihren erschreckenden Versuch, Politik für die kleinen Leute zu machen, im Namen der ökonomischen Vernunft in die Schranken zu weisen. Leider ist diese Vernunft recht abstrakt und mit vielerlei Zumutungen verbunden, da mag dann eine kleine Anekdote, eine Plauderei aus dem Nähkastchen weiterhelfen:

     Aber trotzdem erzählt Schäuble von diesem "beeindruckenden" Vorfall
     aus den Hochzeiten der Finanzkrise. Bei einem Krisentreffen der
     Eurofinanzminister habe der damalige griechische Finanzminister
     Evangelos Venizelos nachts um drei - wieder einmal - zu einem
     Lamento angesetzt, welche Kürzungen das griechische Volk ertragen
     müsse. Und ausgerechnet der estnische Kollege, Jürgen Ligi, -


was nach einer etwas schrägen Übersetzung von „Jogi Löw“ ins Estnische klingt, nie gehört von dem Mann

   - einem eher stillen Zeitgenossen, -

ach so

     - sei da der Kragen geplatzt: „Evangelos, ich kann es nicht mehr
     hören" habe Ligi seinen Kollegen angefahren. Der griechische
     Mindestlohn liege doch über dem estnischen.
Die Krise ist eben
     relativ, das ist Schäubles Interpretation des nächtlichen Vorfalls.


Ja, so sind sie halt, die wortkargen, melancholischen Nordländer, fressen den Kummer über ihren niedrigen Mindestlohn in sich hinein, während die undisziplinierten, aber schlauen Levantiner immer schon nichts als Theater machen:

     ἣ δ' ἐπεὶ οὖν ἔμπνυτο καὶ ἐς φρένα θυμὸς ἀγέρθη
     ἀμβλήδην γοόωσα μετὰ Τρῳῇσιν ἔειπεν·
     Ἕκτορ ἐγὼ δύστηνος· ἰῇ ἄρα γεινόμεθ' αἴσῃ
     ἀμφότεροι, σὺ μὲν ἐν Τροίῃ Πριάμου κατὰ δῶμα,


Okay, die „Ilias“ war schon irgendwie eine anerkannte literarische Spitzenleistung, die von den alten Griechen vor fast dreitausend Jahren da rausgehauen wurde, der kulturelle Urknall des Abendlands sozusagen, aber, seien wir ehrlich, im wesentlichen bloß eine landestypisch ermüdende Abfolge von Jammern und Klagen, Weinen und Schimpfen in einem fort. Europa und Euro müssen ja scheitern, wenn der Baumangel schon im geistigen Fundament, dieser zugegeben gewieften Rhetorik von Heulsusen und Memmen steckt. Aber schauen wir uns doch mal den Anlass des griechischen Lamentos („Threnos“ müsste es ja heißen, aber sogar in der Bildungssprache haben sich diese Weicheier von ihren fitteren Nachbarn verdrängen lassen), schauen wir uns den Mindestlohn einmal näher an.

Grundsätzlich ist das natürlich ein Thema für Dünnpfeifer und Loser, der Starke fürchtet den freien Markt nicht. Der griechische Mindestlohn liegt, Stand 2014, bei 3,35 Euro pro Stunde bei Lebenshaltungskosten von 93 % vom EU-Durchschnitt (Stand 2013, steigende Tendenz). Ein Mindestlohn beziehender Grieche kann also das üppige deutsche Existenzminimum von knapp 700 Euro im Monat locker in 45 Wochenstunden schaffen. Der Este mit seinen 1,90 Euro Stundenlohn bei 80 % Kosten müsste für den gleichen Lebensstandard schon knapp 14 Stunden täglich arbeiten. Er beißt halt die Zähne zusammen wie sein Finanzminister auch, der ihm das als sozialpolitische Wohltat anpreisen muss und dabei nicht vom ewig greinenden Griechen gestört werden will.

Man kann es auch wirklich nicht mehr hören: Die Selbstmordrate steigt? Depressionen ist doch nur ein anderes Wort für mangelnde Eigeninitiative. Kinder werden ins Heim gegeben, damit sie genügend zu essen bekommen? Ist doch ein klarer Beweis dafür, dass der Sozialstaat noch funktioniert. Privatisiert endlich eure Kinderheime, dann arbeiten die noch effizienter! Die Säuglingssterblichkeit so hoch wie in einigen Ländern Afrikas? Ist doch schön, wenn Afrika auf diese Weise das europäische Niveau erreicht. Die Krise ist eben relativ und Jammern die erste bürgerliche Untugend.

Packen wir lieber an und bringen die ewigjunge Dreigroschenoper, Sie wissen schon:

     Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine
     Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines
     Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?


auf den aktuellen Stand: Was ist schon Sklavenarbeit gegen die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns? (10.02.2015)

 



 


 

 

 

 

Ach so


Steiler Anstieg vom tiefsten Punkt in Seckbach rauf zum Budge-Heim, tausend Mal gefahren, ich schalte routiniert herunter vom 4. in den 3. in den 2. Gang, keuche leise und fühle, wie sich das süße Gift der Anstrengung in den Beinen, in der Lunge ausbreitet. Eine Biegung noch, dann ist es geschafft. Plötzlich ein Schatten hinter, dann neben mir, ein Mann zieht mit kräftigem Pedaltritt an mir vorbei, lässt mich stehen wie Jan Ullrich in seinen besten Zeiten den Flachlandsprinter auf Hungerast. Mit irrwitzigem Tempo rast er davon, ein außerirdischer Mutant mit unmenschlichen Kräften, zumal mein entgeisterter Nachblick einen dermaßen schütteren, schon selber in Kahlheit übergehenden Haarkranz erspäht, der ganz sicher einem älteren, ja alten Träger zugehört. Dann erst höre ich, wie aus der Betäubung einer nahen Ufo-Landung erwachend, ein leises Sirren. Ach so. (12.08.2014)

 

 

 

Tooor! - - - Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt


Wenn man in dreißig Jahren, in der Welt der selbstfahrenden Autos und lückenlosen Vernetzung, gefragt wird „Hey, Alder, wo warst du beim 4 : 0 von Deutschland gegen Portugal bei der WM in Dings, äh, Kolumbien?“, da wird ein verlegen gemurmeltes „Keine Ahnung, mein Alzheimer, weißt du“ oder, noch lahmer, „Vermutlich beim Joggen, Fußball ist nicht mein Ding“ nicht mehr reichen. Damit kommt man in Zukunft nicht mehr durch. Okay, vor 60 Jahren, als die gefühlte Siegprämie für unsere Jungs aus einem Hundertmarkschein und einem Bildband von Bern bestand, mochte das noch angehen. Bei zwei Fernsehern auf fünf Straßenzüge und den vielen, aber immer störanfälligeren Volksempfängern muss das Leben für die meisten einfach weitergegangen sein, die Frauen putzten, kochten, wuschen, die Männer besorgten das Wirtschaftswunder. Eigentlich war Alltag bzw. gewöhnliches Wochenende (ich vermute mal Samstag, die Kirche hatte damals mehr zu sagen – nee, liege falsch, laut „wochentage.de“ war es doch ein Sonntag) und nur wenige, dafür legendäre Aktionen wie stundenlange Gewaltmärsche in die nächste Kneipe mit Fernseher hoben sich davon leuchtend ab. Nur die richtigen Fans waren Zeuge, als Deutschland wie Phönix der Asche entstieg, die anderen erfuhren es aus der Zeitung.


Diese Zeiten, die sich beinahe zur wärmenden Idylle im medialen Windschatten verklärten, wenn man es nicht besser wüsste, sind vorbei. Heute ist, wenn Deutschland WM spielt, Volksfeststimmung. So ungefähr wie Straßenkarneval in Köln, aber bundesweit und mit zehn Millionen Flachbildschirmen. Und wie beim Karneval gibts natürlich auch hier die Verweigerer, die Feiermuffel, in erster Linie Leute, die keinen Bezug zum Fußball haben. Wenn bei uns Fußball im Fernsehen kommt, wird meine Frau schläfrig. Das sei, rechtfertigt sie sich, wie vor einem Aquarium, bunte Fische ziehen nach links, bunte Fische ziehen nach rechts, da müsse man ja einpennen. So gehts mir auch, wenn Yoga im Fernsehen kommt, okay, sagen wir lieber, die deutsche Meisterschaft der Standardtänzer. Da fehlt der Bezug. Wer nie als junger begeisterungsfähiger Mensch einen schnellen Konter mit einem unhaltbaren Vollspannhammer an den Innenpfosten abgeschlossen oder den ein Kopf größeren Nachbarjungen mit einer überraschenden Körpertäuschung ausgespielt hat, dem ist das halt Aquarium. Oder Yoga. Seit einigen Jahren, und die Historiker werden streiten, ob es mehr am Klimawandel, der Flachbildschirmtechnik oder dem medial aufgeblasenen „Sommermärchen“ 2006 gelegen hat, ist die kritische Masse zum nationalen Volksfest erreicht und viele Leute werden mitgerissen, denen das passive Abseits so schnurz ist wie der Nitratgehalt von Aquariumwasser.


Wenn die Anzeichen nicht täuschen, treten wir in das Zeitalter ein, in dem auch Vorrundenspiele biografische Zeitmarken setzen wie sonst nur die Topaufreger der Geschichte. Wir sollten uns dafür wappnen. Sonst laufen wir Gefahr, dass unser mühsam angeworfenes Gedächtnis nur erschreckende Harmlosigkeiten zu Tage fördert. Machen wir den Test: 7. Mai 1945? Wohl noch nicht mal eine Chimäre im Kopf einer jungen Frau und eines ihr unbekannten jungen Mannes. Kennedymord 1963? Ein Brötchen kauend auf einem blauen Holzstuhl im „kleinen“ Kinderzimmer einer Niederräder Neubauwohnung? Mondlandung 21. Juli 1969? Vorm Fernseher, wo sonst. (Das waren noch Sondersendungen, sowas kennt die Jugend ja gar nicht. Hat man sich da nicht, in den Schulferien zumal, morgens vor den Fernseher gesetzt, all die Experten, Grafiken, Zuschauerfragen eingesogen, um spät abends erschöpft gen Bett zu wanken?) WM-Endspiel Deutschland (West) gegen Holland, Sommer 1974? Gedächtnislücke, wahrscheinlich private viewing in einem Zweibettzimmer der Frankfurter Uniklinik. Mauerfall? Ha, der Nebel lichtet sich, da lief doch das Radio beim türkischen Schuhmacher, gegenüber meiner Studentenbude in der Kreuzlinger Straße in Konstanz. „Die Grenze offen – IST DOCH SCHÖN!“ strahlte er. Es sind immer die schlichten Worte, die sich ins Gedächtnis einbrennen.


Und nun also, von mittlerweile vergleichbarem Kaliber, das erste Vorrundenspiel Deutschlands gegen Portugal in, schärfen wir es uns ein, damit es noch in dreißig Jahren geübt von den Lippen sprudelt, Brasilien. Nachmittags rufe ich Sportkamerad Stefan an, das „Du“ geht besser als gedacht. Im Verein werden selbst würdige 75-jährige Herren nach wenigen Minuten Kennenlernen geduzt, eine Sache der Gewöhnung. Sollte mich nicht wundern, wenn sich Schweini oder Poldi mit der Kanzlerin nach ein paar Kabinenbesuchen duzen, das „Sie“ wäre dort ein Kulturbruch wie ein Abendkleid ohne Ausschnitt in Bayreuth. Stefan meint, er käme zum Sport, Hans-Werner, der Übungsleiter, sei da. Erste Halbzeit selber Sport machen, zweite Halbzeit Fußball gucken, so würde er das halten. Sofort bin ich überzeugt. Die Weisheit des Alters ergreift mich, imprägniert mich gegen den schon wochenlang sinnlos tosenden Hype um die sportliche Vielvölkerschlacht. Werde also Ende der ersten Halbzeit vom Sportplatz quer durch die Stadt nach Bornheim radeln, auf erhabener Meta-Ebene, dabei Torschreie und Chancengestöhne aus offenen Kneipen und Fenstern oder sonstwoher neugierig registrieren. Da ruft Freddy an, seine Verabredung sei geplatzt, ob wir das Spiel auf der Berger gucken können, Silvia käme auch. Die Imprägnierung bröselt schlagartig weg, scheiß auf die Meta-Ebene, der Anpfiff unseres allerersten Spiels, bei dem sich Topp oder Flopp der ganzen WM entscheiden wird, darf auf keinen Fall auch nur um eine Sekunde verpasst werden.


Was sich rasch als Ding der Unmöglichkeit erweist. Freddy erscheint mit schwarz-rot-goldenem Handbändsel, dem Pendant zur roten Pappnase im Karneval. Wir finden nur noch Platz vor der Eisdiele, ein Mann schließt gerade den Fernseher an, kein Ton (nebenan ist es aber laut genug), wackliges Bild. Silvia kommt auch, wir bestellen Eis und Bier, das Spiel beginnt und trennt das Publikum in flanierende, klönende und sonstwie abgelenkte Aquarianer und echte Fans. Eine ältere Frau, Typ lustige Nudel, zieht vorbei und macht Bilder vom Straßenfest, direkt ins Publikum. „Könnt ihr euch ansehen, auf www-ichliebebornheim-de“, ruft sie beschwichtigend. Müller macht schnell das 1:0, wir wissen es schon ein paar Sekunden vorher, bevor wir es sehen.


Und hier, mag es sich auch nur um ein länger bekanntes Phänomen unterschiedlich schneller Übertragungswege handeln, findet sich die eigentliche Signatur der Fußballfeste im 21. Jahrhundert, fundamentaler als public Sommermärchen, Groß- und Kleinbildschirme, Schlandfolklore und Flaggenburkas. Oberflächlich ärgert man sich wie in der Schule, wenn der Klassenpfiffikus die Zahlenreihe, vom Lehrer als unterhaltsames Intelligenzspielchen an die Wand projiziert, blitzschnell ergänzt und alle anderen jäh aus ihren Grübeleien über das zugrundeliegende Gesetz herausreißt. Die Irritation der asynchronen Liveübertragungen geht aber tiefer. Man möchte gemeinsam einer Fußballerzählung folgen, einem Spannungsbogen wie im guten alten Roman oder im Kasperletheater, zwischen langweiligem Mittelfeldgeschiebe und tödlichen Pässen in die Tiefe, zwar stark zufallgesteuert und ohne Drehbuch, aber doch verlässlich wenigstens darin, dass die Wirkung brav der Ursache folgt. Man möchte Mozart und Fontane lauschen und erlebt dank Zweiklassentechnik die Modernisierungsschocks von „Wandering Rocks“ oder Zwölftonmusik. Der Stress der technischen Moderne hat sich in alle Winkel eingenistet und geht energisch gegen die letzten Widerstandsnester der Gemütlichkeit vor. (01.08.2014)

 

 

 

 

 

 

 

 

„... verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl“

 

Lebend aus dem Krankenhaus kommt man heutzutage schnell oder gar nicht.* Den Geschichten der Alten vom vielwöchigen Liegen im Krankenbett wegen eines gebrochenen Fußes oder ähnlich unspektakulärer Malaisen lauschen wir Jüngere schreckhaft wie den Erinnerungen an einen zu desaströsem Stillstand verkehrten Krieg. Alles Körperliche habe sich zurückgebildet, erzählen sie, auch die Muskeln des gesunden Beins, sodass erst Monate nach Befreiung aus der Zwangslage wieder der bewegliche Normalzustand eingekehrt sei. Inzwischen sorgt der medizinische Fortschritt Hand in Hand mit ökonomisch diktierter Durchrationalisierung aller Abläufe dafür, dass sich ein Patient, bevor er sich im neuen Umfeld häuslich einrichten kann, unversehens im alten Zuhause wiederfindet. Überdeutlich sind die Signale, die ihn auffordern, sich mit der Genesung zu sputen und das Krankenbett nicht etwa als Erholungszone und Illness-Oase misszuverstehen: das Essen, wie man es sich in Kinderheimen der 50-er Jahre vorstellt, das um Freundlichkeit bemühte Personal gehetzt oder in gleichmütiger Routine die Dauerverspätung hinnehmend, im übrigen unauffindbar, wenn man es braucht, störend (etwa frühmorgens), wenn man es nicht braucht, die Mitpatienten ein bunter und rasant durchwechselnder Haufen prekärer Existenzen. Auch was den Zweck des Ganzen, die Heilung anlangt, hat der Geist der Intensivmedizin längst auf allen Stationen Einzug gehalten mit hocheffizienter Therapie körperlicher Gebrechen, die vor diesem Ansturm schnell kapitulieren oder gar nicht. Dante abwandelnd müsste der Spruch überm Eingang zu dieser sanften Drehtürhölle heute lauten: Gesundet, die ihr eintretet, rasch oder lasst alle Hoffnung fahren.


Vor Jahrzehnten war das noch anders. Das erste Mal kam ich ins Krankenhaus mit sieben Jahren und Blinddarmentzündung. Vor der Operation, die wohl verspätet und deshalb in angenehm angstlösender Hektik eingeleitet wurde, bekam ich eine Maske angelegt mit der Aufforderung zu zählen, das Narkosegas wirkte in wenigen Sekunden. Die folgenden ein bis zwei Wochen verbrachte ich in einem Krankensaal mit geschätzt fünf oder sechs Kindern, deren Gesichter und Schicksale bis auf den Anblick des eindrucksvoll blutigen Zentralfortsatzes eines gleichaltrigen Jungen bei Gelegenheit des Verbandswechsels spurlos gelöscht sind. An die sehr knappen Besuchszeiten auch für Eltern, zwei Stunden pro Woche, die meine Mutter überliefert hat, erinnere ich mich ebenso wenig wie an das gramvolle Verfolgen des vorrückenden Uhrzeigers beim Besuch meines Vaters.


Die eigenen Erinnerungsschnipsel legen nahe, dass Krankenhaus auch ein Ort der wilden Freiheiten sein kann, ein Eroberungsland fernab der Einsortierung in die geschlossene Familienroutine. So sah ich mit neidvollem Staunen das erste ferngelenkte Spielauto meines Lebens, das ein anderer Junge von seinem Bett aus um die nackten Pfosten der übrigen Betten kurvte, dabei herrisch die Bitten um Überlassung des Weltwunders abweisend im Wissen um die Leuchtkraftverstärkung seines Solospiels. Die Anschaffung solchen Technikschunds zuhause war ja undenkbar, sodass ich mich hier wenigstens sattzusehen gedachte. Oder, schon gegen Ende der Liegezeit, der ausbrechende Heißhunger auf Frühstücksbrötchen mit Butter und sonst nichts, der zu regelrechten Esswettkämpfen mit den anderen Kindern führte um die Zahl der von den Schwestern lachend angelieferten Nachbestellungen. Daheim, das Neuland war versunken, machte es keinen Sinn und keinen Spaß mehr.


Ein unangenehm drastischer, mich überrumpelnder Moment war die vorübergehend nötige von außen eingeleitete Besorgung des „großen Geschäfts“. Das hatte ich doch lange schon manierlich zu führen verstanden, viel länger schon als aktuelle Techniken wie Rechnen und Lesen, und nun wurde täglich Hand angelegt, eingeführt und geräuschvoll verflüssigt, dass es eine Pein war. Vielleicht mitbefeuert von solcher Zentrierung auf Körperlichkeit, die seit jeher die Schamgrenze im Krankenhaus volatil macht, jedenfalls begeistert in der Durchbrechung eines Tabus, kam es eines Tages zu einem reihum ansteckenden Kollektivdurchhauen der Popos unserer knuffigen Teddybären, die doch eigentlich die Tränen über die vermissten Mama und Papa tröstend aufsaugen sollten.


Mein zweiter Aufenthalt im Krankenhaus mit 15 Jahren war dank meines verbeamteten Vaters der einzige Ausreißer in die Komfortwelt privat Versicherter und somit entschieden der langweiligste. Ich hatte beim Klassenspiel mit der Parallelklasse auf dem Olympia-Sportplatz gegenüber der Bundesbank einen Schlag aufs Knie und, viel schlimmer, ergebnismäßig derbe auf die Socken bekommen und grübelte beim Zurückhumpeln zur nächsten U-Bahn-Haltestelle darüber nach, wieso die A, die noch schwächer war als die C, und die wir noch vor Jahren mit 7 : 2 und drei blitzsauberen Toren von mir geschlagen hatten, plötzlich uns zu biss- und kraftlosen Weicheiern degradieren konnte. Dabei hatten die doch mindestens acht oder zehn Mädchen in der Klasse, kriegten also gerade mal so elf Leute zusammen, während wir als reine Jungensklasse doch im Vorteil sein müssten. Gut, wir hatten viele sportliche Vollheinis, bei denen du gleich beim Loslaufen gesehen hast, dass ein zusätzlicher Ball nur ein Verletzungsrisiko bedeuten würde. Aber der mysteriöse Zusammenhang mit den Mädchen war beunruhigend, die alte Welt war aus den Fugen. So also ungefähr die Gedankenwelt des Fünfzehnjährigen, der dann Tumordiagnose, Operation und wiederum knapp zweiwöchige Liegerei in der Klinik über sich ergehen ließ. Das war nur die gefühlte Verlängerung der Degradierung zum Weichei, die eine neue anonyme Riesenkraft nunmal verhängt hatte.


Die medizinische Versorgung war dank meiner sich bis ins Detail kümmernden Eltern hervorragend. Ich lag in einem Zwei-Bett-Zimmer mit einem freundlichen älteren Herrn, der seine Ruhe haben wollte und keinen näheren Umgang. Man überhörte höflich und wechselseitig etwaig peinliche Körpergeräusche und ergab sich ansonsten in die Apathie der Heilung. Der Klassenlehrer kam vorbei und überbrachte dem noch guten Schüler eine dicke Diogenes-Anthologie mit sorgfältiger lateinischer und altgriechischer Widmung. Die Dramatik der Entscheidung, ob es Krebs war, was da im Knie unbemerkt herangewachsen war, und in Folge Bein und womöglich Leben verlorenging, war an mir in Gänze vorbeigegangen, traute man mir nicht zu. Vermutlich hätte ich es recht gleichmütig zur Kenntnis genommen. Wozu ein vollständiges Paar Beine, wenn man schon so von der A vermöbelt wird. Und konnte man nicht hoffen, dass ohne Bein das Leben neu aufgemischt würde, das kalte Hineingleiten in die hässliche Erwachsenenwelt gestoppt? Es kam dann anders, auch damit musste man leben. Ohne Tränen der Angst oder der Freude nahm die Heilung ihren Lauf in jenem zweckmäßig komfortablen Krankenzimmer, eine stille Inkubationszeit zu heranwachsendem Schweigen, eine mönchische Vorübung für die neuen Regeln, wonach das Wichtigste abgedämpft wird zu Beiläufigstem, Verstecktestem.


Soviel Zeit für melancholisch zerdehntes Heil oder Unheil lässt das moderne Krankenhaus in der Regel nicht mehr, der Patient ist gehalten, mit einem hochgetunten Apparat durch Gesundung flotten Schritt zu halten. Einer klassischen Lungenentzündung wegen, die der niedergelassene Facharzt nicht erkennt und nicht behandelt, lande ich, aufgestört vom besorgten Expertenvater, am Sonntagmittag in der Notaufnahme der Uniklinik. In dem kleinen, aus Bett und Stuhl bestehenden und mit Vorhängen abgeschirmten Diagnoseraum warten wir nach den Basisuntersuchungen stundenlang darauf, dass der Computertomograph frei wird. Die Mitpatienten sind Stimmen, mal wispernd, mal klar die Frage-Antwort-Routinen durchgehend. Viel Rotationsschwindel in hochbeschleunigten Leben und Großstadtverlorenheit vermutlich, hoher Blutdruck, 180, habe vergessen, die Tabletten zu nehmen, Sie sollten doch liegenbleiben, nebenan eine jüngere Frau mit Fieber und komplizierter Vorgeschichte. Dann, es ist schon Abend, löst sich der Pfropf, nach der CT folgt gleich die stationäre Aufnahme.


Kein Hotel, eher Jugendherberge mit offenem Schlafsaal, das freie Bett im 4er Zimmer wird zugewiesen von der besorgten Nachtschwester. Sie warnt gleich, ich solle auf meine Geldbörse aufpassen, sie einschließen im Safe, es werde geklaut, die Polizei sei dagewesen, „und hier“, gesenkte Stimme, „kommt der Hauptverdächtige“, mein Zimmergenosse, wie ich später merke. Junger Kerl, hinkt mit bandagiertem Fuß, legt sich später angezogen zum Nickerchen bäuchlings aufs Bett, was macht der überhaupt auf einer Station für Lungenkranke? Mein Bettnachbar, prall voll Lebensgeschichte und Krebszellen, hat ein Handygespräch mitgehört, dem droht die Räumungsklage von der Mieterin, meint er, der braucht ganz schnell Geld, viel zu teure Wohnung, er habe damit geprahlt, undurchschaubarer Charakter. Er redet schnell und viel, man hat keine Zeit hier, kaum hat man sich einen Reim gemacht auf einen Menschen, ist er wieder weg, entlassen wie der junge Mann anderntags („und passen Sie auf Ihren Zucker auf!“- daher wohl der Fuß, aber wieso lungenkrank?) oder er wird verlegt wie ich, weil ein anderes Bett frei wird und die Neuen unbedingt ins 4-Bett-Zimmer sollen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, die zerfahrene Screwball-Comedy eines demenzkranken Autors, jetzt erscheint ein sanfter Krankengymnastenazubi und übt das tiefe Atmen, dann schon Verlegung ins andere Zimmer, erstmal für eine Nacht, tatsächlich nur für ein paar Stunden, neben einem röchelnden und schlagenden Altjunkie mit Atemschlauch, der in Endlosschleife nach einem Glas Wasser ruft, zuletzt erscheint urplötzlich der Professor persönlich auf seiner Station und entlässt mich „angesichts der Bettenknappheit“ in verantwortbare Heimgenesung. Erholung habe ich jetzt auch dringend nötig. (02.09.2012)

 

* Das Folgende bezieht sich im Kern auf Erfahrungen eines gesetzlich Krankenversicherten. Die Rede von der „Erlebniswelt“, mit der die Werbung ihre Produkte abzugrenzen sucht, trifft hier bei grundständiger Exklusivität der zwei Typen der Krankenversorgung mal voll ins Schwarze.


 

 

Klingeltondeutsch


Sprechen heißt immer auch Klingeln. Ich schaffe mir Raum, melde etwas, nämlich mich zu Wort, mache Geräusche, die das ungesagte Chaos wie Magnete Eisenspäne homogen ausrichten. Wo aber das Sprechen sein Subjekt vergisst, sich nur noch Raum und Macht schaffen will und nichts mehr aussagen, gedeiht die Klingeltonsprache, deren Zweck die Auslösung von Respektreflexen ist und die Vermeidung von Augenhöhe mit einem Gegenüber. Für die verdichtete Schrift- form gilt dies im besonderen Maß, wie ich anhand von drei Beispieltexten erläutern möchte, zwei zufälligen Lesefunden der letzten Monate und dem Auszug eines öffentlichen und wie davon befeuert recht verbissen geführten Scharmützels, das für das Zeitalter der Internetforen typisch ist.


Nicht zufällig entstammt der erste Text dem Bereich der Kunst, wo es, wie in der Werbung, besonders wenig zu sagen, umso mehr aber zu raunen und zu klingeltönen gibt. Das über weite Strecken recht sachliche Porträt einer „großen Hoffnung der jungen deutschen skulpturalen Kunst“ in der „Kunstzeitung“ krönt und beglaubigt sich mit folgendem Zitat aus dem Ausstellungskatalog, in dem die Museumsdirektorin höchstpersönlich aufs Ganze geht:

 

Auf verschwiegenen Wegen...


...kannix sprechen, ist Skultpur...


erschließt Kuhn seinen skulpturalen Spannungsmomenten weite Reflexionsräume.


Oder halt seinen Reflexionsräumen skulpturale Spannungsmomente, Jacke wie Hose.


Künstler wie Betrachter finden im plastischen Bild ein Gegenüber, das leibhaftige wie mentale Reaktionen herausfordert und zu dem sie so eine persönliche Beziehung aufnehmen können.


Also du Skulptur, ich gucke, bin gerade Museum.


Damit scheint Kuhn den Faden der anthropologischen Konstante in der Geschichte der Skulptur wieder aufzunehmen und eigensinnig fortzuspinnen.


So verschwiegen kann eigentlich nicht mal eine Skulptur sein, dass sie nicht Einspruch erhöbe gegen solch intellektuelles Gewäsch ihrer Anpreisung. Sie sollte energisch um Ruhe bitten und um Abschaltung aller Klingeltöne, die aus ihr den fortgesponnenen Faden der anthropologischen Konstante macht. Wobei das Wörtchen „scheint“ im finalen Satz sozusagen einen Klingelton zweiter Ordnung darstellt, ein polyphoner Schlussakkord, der solide anzeigt, dass der Jargon tipptopp bis zum Ende beherrscht und durchgezogen wird, und jeder nahrhafte Rest von Aussage in tönendem Dämmer verlischt.


Auch die Philosophie, die sie doch eigentlich bekämpfen sollte, ist eine reichlich sprudelnde Quelle für Klingeltöne. Nicht selten ist es dabei der Klang des großen Namens, die Höchstnotierung im aktuellen Philosophen-DAX, die eine These mehr noch als Argument und Recherche beglaubigen soll. So erteilt Peter Michalzik in seiner ansonsten lesenswerten Kleist-Biografie in einem kurzen Exkurs zu dessen natürlichen Gebrauch des Wortes „Seele“ Ludwig Wittgenstein das Wort, der kraft seiner jedermann bekannten Gedankentiefe die Sache rund machen soll:


Am klarsten hat der Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein von der Seele gesprochen: „Wenn sich uns das Bild vom Gedanken im Kopf aufdrängen kann, warum dann nicht noch viel mehr das vom Gedanken in der Seele. Wie ist es aber mit so einem Ausdruck: 'Als du es sagtest, verstand ich es mit meinem Herzen'? Dabei deutet man auf's Herz. Und meint man diese Gebärde etwa nicht?! Freilich meint man sie. Oder ist man sich bewußt, nur ein Bild zu gebrauchen? Gewiß nicht.- Es ist nicht ein Bild unserer Wahl, nicht ein Gleichnis, und doch ein bildlicher Ausdruck.“


- und kommentiert dann lakonisch:


Die Seele ist etwas, das da ist und weg, das wir kennen und doch nicht kennen, vertraut und rätselhaft.


Am klarsten ist daran noch, dass Edelphilosoph Wittgenstein die Sache für den Literaturkenner richten soll, wo der nicht mehr weiter weiß. Statt uns mit dem zeitgebundenen Gebrauch eines aussterbenden Begriffs vertraut zu machen, öffnet, ach was: entsichert er die philosophische Pandorabüchse und lässt sie krachen, die schlauen Sprachklaubereien für Kenner. Die Aura entscheidet. Wittgenstein schlägt Gadamer, Gadamer schlägt Husserl, und Husserl schlägt mittlerweile nur noch den Doktoranden Fred Müller, der das Erhellendste von allen beitragen könnte.


Angefügt werden soll zum Schluss noch ein Musterexemplar jener Durchsetzungsrhetorik, die heute zumal in öffentlichen Forenbeiträgen und Mailinglisten das polemische Temperament anzeigt. Ich hatte mich etwas unvorsichtig mit einem eigenen Beitrag auf die Lichtung der schon früher erwähnten Karl-Kraus-Mailingliste vorgewagt und wurde gleich vom Suchradar des Abwatschers vom Dienst erfasst. Meine Steilvorlage bestand vor allem darin, Obamas Live-Schaltung zur Tötung von Bin-Laden mit einer von Kraus unsterblich gemachten Kinovorführung im ersten Weltkrieg zu vergleichen, bei der ein (österreichischer) Armeegewaltiger die verheerende Wirkung neuer Mörsertechnologie mit gemütsschlichtem „Bumsti“ kommentiert. Der Vergleich hinkt natürlich, bringt aber Kommandiermentalitäten zur Deckung, die man auch unter Anmerkung der lahmen Selbstverständlichkeit, dass Obama noch den besten aller denkbaren US-Präsidenten darstellt, für skandalös halten kann. Nach bekanntem Reflexschema (kontra Obama – pro Bin-Laden – Skandal!) konnte jetzt drauflosgeschrillt und -geklingelt werden, Auszug:


Und damit es ein bisserl off-topic zu Ende geht: Ich halte Aussagen, wie die, dass der Obama einer „Live-Hinrichtung des Staatsfeindes“ zugeschaut haben soll, für – im besten Fall – links-pubertären radical chic. Dieses seltsame Verständnis der Lehnsessel-Guerilleros, Taliban-Groupies etc. für einen fanatischen Massenmörder ist degoutant.“


Lauter Nadeln, die einen selbstgemachten Fetisch spicken. Dieser Ton versammelt nicht eine imaginäre oder reale Runde, um in ihr zu diskutieren, er will nur freie Bahn. Die Geste, der Klang soll Widerstände schleifen und das freie, im Eigenen wurzelnde Wort vergrämen. (24.08.2012)

 

 


Aus dem Werkzeugkästchen geplaudert (1) – Gefahren des Steinmetzberufs

 

Ein befreundeter Kollege zählte mir einmal vor vielen Jahren, als unser beider Entscheidung für die Selbstständigkeit schon gefallen war, eine Liste der Gefahren auf, denen der Steinmetz ausgesetzt ist. „Wir haben doch alles“, meinte er mit jenem Unterton, der den Anflug von Heldenstolz gleich ironisch wieder ablöscht, „Staub, Lärm, Gifte in Klebern und Baustoffen, Absturz von Gerüsten und Leitern, Verletzungen durch Flex und Säge, Rückenschäden vom schweren Heben, Knochenbrüche bei umkippenden Steinen, Augenverletzungen durch Splitter. Hab ich noch was vergessen?“


Nein, eigentlich war alles Typische erfasst, obwohl die Liste natürlich beliebig verlängerbar wäre: Verkehrsunfälle, weil man viel mit dem Transporter unterwegs ist, aggressiv trauernde Kunden, Alkoholismus und Depressionen bei stumpfsinniger und gleichförmiger Arbeit, der auch ein Selbstständiger nicht immer entkommt. Die berufsgenossenschaftliche Einstufung in sogenannte Gefahrklassen, die allerdings nur das reine Unfallrisiko abbilden, spiegelt solche Drastik nicht wieder, hier landet der Steinmetz weit hinter Abbruch- und Sprengarbeitern, Zimmerleuten und Dachdeckern im hinteren Mittelfeld. Zu verdanken hat er die Kränkung seines schwelenden Kriegerpathos natürlich nur der Vergemeinschaftung zum sogenannten Bauausbaugewerbe mit so bequemen Berufen wie Maler und Verputzer, zu denen gerade der Steinmetz in der Fassadenrestaurierung ein sowieso schon gespanntes Verhältnis unterhält. Das Unfallrisiko ist aber selbst in solch schwacher Gruppe immer noch 15mal höher als im Büro (das nur bei den imaginären Klassen der ausgehenden Gefahren stärker schwankt zwischen den Extremen von, sagen wir, Investmentbankern und Malariaforschern um den Mittelwert 0 eines normalen Steinmetzbüros).


Das bringt uns zu einer wichtigen Unterscheidung: Es sind die Arbeiter, die Gesellen (und Gesellinnen natürlich), die ihre Knochen hinhalten im wörtlichen Sinne, während der nicht mitarbeitende Chef höchstens mal die Baustellen abfährt, ansonsten Kundschaft berät, mit Lieferanten fachsimpelt und, zumal im Kleinbetrieb, viele Stunden mit Bürokram befasst ist. (Eine meiner stärksten Antriebsfedern, mich selbstständig zu machen, war immer der Vergleich mit dem Chef, der sich allzuständig durch den Tag plauscht, womöglich dem Angestellten noch den Kundenkontakt verbietet, während dieser über Stunden sein Werkstück bearbeitet in Gesellschaft lärmüberplärrender FFH-Musikburgern und bei den seltenen Unterhaltungen mit Kollegen noch Gefahr läuft, einen Anschiss zu bekommen.) Nur einmal war ich Zeuge, wie mein ehemaliger Chef und Ausbilder sich spätabends unter Zeitdruck beim Ausschneiden einer Granitplatte mit der hochschnellenden Flex in Lippe und Nase schnitt. Die Blutung war erschreckend, ließ aber den Gesellen, der sich gerade noch bei mir hinter verschlossener Tür über ihn und die miesen Arbeitsbedingungenen Luft gemacht hatte, blitzschnell zu Hilfe eilen und den Verletzten mit umwickeltem Handtuch ins Krankenhaus fahren - die Reflexe der Kleinfamilie funktionieren eben auch bei mängelbehaftetem Vorstand. Tage später sah man die Narbe kaum noch, geändert hatte sich nur, dass jetzt alle Winkelschleifer Schutzhauben hatten.


Erstes Fazit also: Selbstständige arbeiten sicherer, auch im Ein-Mann-Betrieb. Sie sitzen oft am gefahrlosen Schreibtisch, können die eigenen Arbeiten ohne Zeitdruck planen und Gefahrenquellen wie Gabelstapler, Hantieren mit Unmaßplatten und ähnliches meiden. Mit einem besonderen Teil, von dem schon die Rede war, werden sie es aber immer zu tun bekommen, sofern sie überhaupt praktisch arbeiten, dem Winkelschleifer. Diese „Handsäge“ mit ihren 200 Umdrehungen pro Sekunde entfesselt schon in kleiner Ausführung Kräfte, die bei Verkantung oder nichthomogenem Material der Stärkste nicht mehr beherrscht. Bei der größeren Version, die auf Baustellen routiniert zum Einsatz kommt, reitet man endgültig den Tiger. Vom eingangs zitierten Kollegen stammt die Anekdote, in der sich das rotierende Blatt der durchgehenden Maschine in einer Art Harakiri-Bewegung von unten nach oben durch den Pullover hindurch in den Leib schneidet, Haut, Fleisch und Wolle blutig mischend, sodass die Chirurgen ein paar Stunden zu tun haben, um alle Fussel wieder herauszuzupfen.


Nun hat wohl fast jeder Beruf seine blutige Schauerfolklore, in der ein Schornsteinfeger vom Dach fällt, den Gerüstbauer eine Bohle erschlägt und die Lehrerin vom Amok laufenden Schüler erschossen wird. Die wahren Gefahren schleichen sich eher leise und über Jahre an und schlagen unerwartet zu. Der jüngere Meisterschulkollege hat plötzlich Staublunge, die man als Teil des Prüfungsstoffs schon wieder vergessen hatte, und bekommt Berufsverbot. Ein anderer fehlbelastet den Rücken immer wieder derart, dass er lange ganz ausfällt und sich mit Massagen und Fitness-Studio die Berufsfähigkeit erst neu erkämpfen muss. Im Alltag macht nahezu jeder Steinmetz eigene Erfahrungen mit Knochenbrüchen oder Quetschungen, Augenverletzungen und Fingernagelverlusten. Solche meist kleineren Wundmale einer stofflichen Befassung, die längst in unaufhaltsamem Schwinden aus dem Arbeitsleben begriffen ist, verleihen dem Handwerker und im Besonderen seiner archaischsten Ausprägung, dem Steinmetz, beinahe einen Anflug melancholischer Würde. (27.02.2012)

 

 

 

 

Permanenter Kreisel

Ein Auto in der Stadt zu fahren ohne triftigen Grund, ist inzwischen zum sicheren Zeichen von Wohlstandsverwahrlosung geworden. Sie mag sich noch differenzieren vom aufgeblasenen SUV, dem stählernen Gegenstück zum Luftbrötchen aus Chemie und etwas Mehl, bis hin zum flinken Kleinwagen, der immerhin der Parkplatzsuche etwas den Schrecken nimmt. Alternativen zu den Leichenbergen an totem Kapital, toter Zeit, toter Umwelt und nicht zuletzt metapherfrei zerquetschten Verkehrsopfern, die der Autoverkehr in Jahrzehnten produziert hat, zu dieser ganzen morbiden Aura, die weder polierter Lack noch prozessorgesteuerte Spielereien überspiegeln kann, sind der öffentliche Verkehr und insbesondere das Fahrrad, das an Boden gewinnt. Nicht nur, dass hier der Körper, sonst oftmals bloßer Hirnappendix in aufgezwungenem Sitzkrampf, zu seiner natürlichen Bestimmung zurückfindet, nämlich durch die Savanne zu streifen, nicht nur, dass der ökologische Abdruck dem einer Insektentarse zu einem Brachiosaurenfuß gleichkommt, man ist auch einfach schneller unterwegs.

Das Fahrrad verbindet elegant die Flexibilität des Fußgängers, der durch engste Lücken schlüpft, mit vervielfachtem Tempo, das auf kurzer Strecke zwischen zwei Ampeln mit dem Auto locker mithalten kann. Ein uneinholbarer Vorsprung kommt dann zustande, wenn Radfahrer das Ampelrot zum Vorfahrt-beachten-Schild umdeuten, überfahren und sich in den fließenden Verkehr einfädeln. Sie begehen damit nach derzeitiger Gesetzeslage einen Rotlichtverstoß, der umstandslos mit saftigem Bußgeld und Punkten in Flensburg geahndet werden könnte. Tatsächlich bleiben sie hierzustadt meist unbehelligt, zum Leidwesen von ein paar neidischen Autofahrern und der FDP, die sich zuletzt mit Plakaten gegen angebliche Fahrradrowdys als politische Repräsentantin von SUVs und Luftbrötchen bestätigt hat. Auch hier wäre es höchste Zeit, wie schon bei der fast flächendeckenden Aufhebung des Einbahnstraßengebots das Regelwerk der schwarmintelligenten Praxis anzupassen, indem am besten gleich die ganze Flickschusterei von Einzelbestimmungen ersetzt wird durch eine Art historisches Toleranzedikt: Fürs Fahrrad gelten die Regeln des permanenten Kreisels.

Der Kreisverkehr, nach dem Krieg auch in Deutschland noch weit verbreitet, ist ab den Siebziger Jahren rasch von ampelgerechten Kreuzungen verdrängt worden, und zwar wegen „Missverständnissen bei den Berechnungsgrundlagen“ (Quelle immer Wikipedia). Ein allerliebster Grund für tausende Tote und aberhundert Millionen Euro Verschwendung! Bevor wir jetzt zur Deutschen Bibliothek radeln und anhand der Quellen die Verknotung von Rechenfehlern und Schlamperei samt Schuldzuweisungen enttuckeln, stellen wir uns lieber den Geist von Amtsstuben und Lokalpolitikern, ja, der mehrheitlichen Bevölkerung vor, die ihnen nicht in die Arme gegriffen hat. „Lassen wir doch“, spricht der Geist auf unserer kleinen Séance, denn er ist zum Glück weitgehend dahingeschieden, „lassen wir doch die Franzosen Kreisel fahren in ihren schwammigen Rostlauben, wir bauen unsere rechtwinkligen Ampelkreuzungen mit bewährter Siemensboschqualitätselektrik, und außerdem ist es ja wissenschaftlich bewiesen.“ Heute werden für sehr viel Geld Kreuzungen zu Kreiseln umgebaut, bei Neubau in der Regel diese vor jenen bevorzugt, sodass die Zeiten nicht mehr fern scheinen, in denen Ampeln wie Dampfloks nur noch aus Liebhaberei betrieben werden.

Das Fahrrad übernimmt, so der Vorschlag, die Regeln des fortschrittlichsten Verkehrskonzepts „Kreisel“ und fädelt sich unter Beachtung der Vorfahrt in alle Ströme ein, auf Kreuzungen und Bürgersteigen und allen Mischformen, die dem Fußgänger zugänglich sind, zu dem sich der Radfahrer in Sekundenbruchteilen verwandeln kann. Es wird endlich auch regeltechnisch zum wahren Mobil, das nichts mehr aufhält. Und da es immer etwas Zeit braucht, bis sich eine vernünftige Regelung offiziell durchsetzt, und dann noch ein paar Jahre, bis sie auch ins Bewusstsein der in allem langsameren Autofahrer durchgedrungen ist (siehe Aufhebung des Radwegezwangs), rufen wir doch heute schon dem grämlich blickenden Ampelgestoppten ein fröhliches „Noch nix vom permanenten Kreisel gehört?“ zu und überlassen ihn seinen Assoziationen zwischen Kamasutra und, ist er vom Fach oder Dauergoogler, dem Kunstradsport, während wir schon drei Straßenecken weiter sind. (26.01.2012)

 

 

 

 

Friedhofsgeschichten (2) – „Komm, ins Offene!“


Dafür, dass der Tod nicht stumm mache, sondern auch Gelegenheit gebe, ein Leben in einem Nachruf, einer letzten sprachlichen Vignette zusammenzufassen, stehen vielerorts Grabsprüche ein, die im besten Fall denjenigen Trost verschaffen, die ohne einen vertrauten Menschen weiterleben müssen. Sie variieren von detailreichen und grabsteinfüllenden Lebensgeschichten, die sonst nur gedruckt oder gepostet zu lesen sind, letzten Worten, die sich teils der Verstorbene noch selbst ausgedacht hat und häufig das Lächerliche streifen, bis hin zu markanten Zitaten aus Liedzeilen oder klassischer Literatur. Hier besonders birgt das Spannungsfeld von kontextloser Kürze, Intimität des Nachrufs und jedermann zugänglicher Öffentlichkeit das Risiko des saftigen Missverständnisses.


Eine sympathische ältere Witwe, durchaus literarisch bewandert, zeigte mir einmal mit der Geste faszinierten Ekels, den man einem formschönen Hundehaufen entgegenbringt, einen Grabstein in der Nähe ihres Familiengrabes. Die Inschrift bestand aus einem männlichen Namen und der Zeile „Komm, ins Offene, Freund!“ Das seien zwei, sie suchte nach Worten, „Homos, Sie wissen schon“, den Spruch habe der Freund dem Verstorbenen gewidmet, es sei unerhört, „und das auf einem Friedhof!“


Es dauerte eine kleine Weile, bis bei mir der Groschen fiel, und ich den ganzen klaffenden Abgrund hinter dem Hölderlinschen Premiumzitat erkannte (eine Schwäche, die schon zu Pubertätszeiten die Aufnahme in den inner circle der dauerkichernden Logenbrüder der Zweideutigkeit verhinderte). Hatte man aber einmal den Schalter der Perspektive umgelegt wie beim Anblick eines Vexierbildes, so war klar, dass der Tatbestand der öffentlichen Schweinigelei erfüllt war, und wenn der Spruch wirklich von Hölderlin war, womit ich aber bei ihr nicht recht durchdrang, umso peinlicher für Hölderlin.


Ach, was für ein wunderbar zwielichtsatter Ort ist doch der Friedhof, ein Jungbrunnen, dem runzlige Hochlyrik als praller Pennälerwitz entsteigt, und der letzten Worten den Pathosstaub abspült, bis die jugendfrische Phantasie, die mit allen Worten spielen kann, neu erblüht. (30.12.2011)

 

 

 

 

Wunder des Lenkens


Beim Anblick der fast quer zum Bordstein eingeschlagenen Räder am vor Tagen eingeparkten Wagen kommt fast unmittelbar nach der Besorgnis, ob das dem Auto schadet, und der Vornahme, das Thema später zu googlen (was dann zur erwartbaren Verwirrung im Dickicht zahlloser Forenbeiträge der Halb- und Viertelexperten führen wird) plötzlich einbrechend wie durch ein Loch im Asphalt die Erinnerung an die Kindheit und an den nachhaltigen Zauber, den bewegliche Räder der zumeist nur starr geradeaus fahrenden Matchboxautos ausgelöst haben. Zunächst kam diese umstürzende Innovation durch Druck von oben während des Fahrens auf das eine oder andere Vorderrad zustande, was mir heute als weit größeres technisches Wunder erscheinen will als das nachfolgende, wie von Außerirdischen kommende Non-plus-Ultra der Spielautos, ein Silberpfeil-Rennwagen mit Lenkrad und großen, freistehenden Rädern. Der reiche Onkel hatte es zum Geburtstag geschenkt und damit den Schlusspunkt gesetzt allen scholastischen Richtungsstreits mit den Brüdern über die Rangfolge von Modellen und Farben.


Aber mit Außerirdischem kann man nur eingeschränkt spielen, die Größe und Spurweite passte nicht zu Straßen und Autobahn, vor allem aber nicht zur übrigen Flotte der zu grauer Masse abgesunkenen Einheitsmodelle, die mit der Zeit wieder an Charme und Individualität zurückgewannen: hier ließen sich die Vordertüren öffnen, dort sogar die Motorhaube, den weißen Ford fuhr abgewandelt Papa, der mackengetüpfelte Citroen verströmte das Charisma des Fremden. Nach ihrer silberfarbenen Kulmination verloren die beweglichen Räder nach und nach ihr Alleinstellungsmerkmal und wurden Spieloptionen unter vielen.


Später erneuerte sich das verblasste Wunder des Lenkens höchstens noch beim Go-Cart-Fahren (ein Fahrrad lenkt ja nur mit einem Rad und zählt deshalb nicht). Erst das Go-Cart, verpönt bei uns aus unerfindlichem Grund und deshalb nur bei Freunden zu fahren, war wieder eine richtige Lenkmaschine mit richtigem Lenkrad, ein Silberpfeil ohne Abstumpfungs-effekt.


Das Fahren eines richtigen Autos dann entzauberte das Lenken endgültig, unter den vielen Aktionen, die nahezu automatisiert und zeitgleich ablaufen müssen, ist es die einfachste und achtloseste. Und heute endlich, in der prozessorgesteuerten Moderne, erscheint in kulturpessimistischer Laune absehbar, dass die primitiven Wunder der Mechanik, wo die Wirkung noch einer halbwegs einleuchtenden Ursache folgt, auch dem Kind als Förderhemmnis entzogen und in den musealen Glaskuben begraben werden. (30.11.2011)

 

 

 

 

 

Reisenotizen (2) – Prag


Reiseziele, mit denen man renommieren kann, werden auch für normalsituierte Bewohner unserer Wohlstandszone zunehmend rar. Kallheinz vom Tischtennistraining, der einem mit knapp Achtzig die Vorhand immer noch unerreichbar ins Eck löffelt, war letztes Jahr beim whale watching vor der Küste Südafrikas, die Schwippkusine Clara reist mit einer Freundin, noch rechtzeitig vor dem Burnout, entlang der Karawanenspuren der alten Seidenstraße, und auf einem Geburtstag unter jungen Leuten wird angeregt über eine mehrmonatige Backpacker-Tour durch Indien diskutiert. Erwähnt man nun leichtfertig die Absicht, für ein paar Tage nach Prag zu fahren, stellt sich heraus, dass alle schon in Prag waren und alle Prag schön fanden.


Begibt man sich in der gebotenen Beiläufigkeit, die auch einem Besuch in Berlin oder München angemessen wäre, an einem Sommerwochenende nach Prag, so überrascht doch, wie eine Stadt, die sich immerhin dem Massentourismus so radikal ausliefert wie kaum eine zweite, ihre Gelassenheit bewahrt. Prag als Einkaufskorb mit Dinnerkreuzfahrt, Großer Burgtour und Schweinebraten vor Stilfassade kann sich der gewöhnliche Prager nicht leisten, er geht, ist er nicht für Dienstleistungen engagiert, seiner eigenen Wege außerhalb der Trampelpfade. Zahlenmäßig den Freizeitinvasoren klar unterlegen, kann man ihn in Gruppenstärke am ehesten noch in Straßen- und U-Bahn oder etwas entlegeneren Parks antreffen. Diskussionen wie in Berlin, wo Politiker die Hotelbettenzahl begrenzen wollen zum Schutz des Milljöhs, scheinen im viel stärker touristengefluteten Prag undenkbar. Hier unterwirft sich eine ganze Stadt der goldenen Kaufmannsregel, dass nur die aufpolierte Ware den bestmöglichen Preis erzielt.


Die passende Anreise nach Prag ist die Fahrt mit dem Bus und inmitten älterer Eheleute, die allesamt eine fantastische 4-Tages-Reise beim großen Lidl-Preisausschreiben gewonnen haben. Um halb 5 morgens fahren wir los und dem Veranstalter gelingt das verblüffende Kunststück, im rund 420 km entfernten Prag noch am selben Abend gegen 8 Uhr anzukommen. Dabei werden meine Gefährtin und ich ununterbrochen von zwei hinter uns sitzenden Damen unterhalten, das heißt, nur eine redet, und wenn das Perpetuum mobile zu stocken droht, wirft die andere ein, fragt etwas, ermuntert. Wir erfahren, dass der Geburtstagsgeschenkkorb der Firma nach eigener Internetrecherche 33 Euro und 50 Cent wert war, was die Beschenkte positiv überrascht hat. Und wären wir nicht zwischendurch etwas unaufmerksam, wir wüssten am Abend wirklich alles über die schwierige Ehe mit Hermann, die topp gepflegte Frau des angesagten Formel-1-Stars und tausend andere Moleküle eines Lebens- und Medienstroms, der keine Unterbrechung kennen darf. Die rasch gestellte Diagnose der Logorrhoe trifft das Phänomen wohl nur halb, nämlich seine pathologische und störende Seite. Damit nicht erfasst wird die besondere Mischung aus Kunststück und Barbarei, der vielleicht am ehesten jene Trinktechnik nahekommt, bei der das Wasser direkt und ohne zeitaufwendiges Schlucken in die Kehle rinnt. Wer diesen Trick beherrscht, ist endlich bewunderter Bestandteil der allseitigen Schwemmkommunikation und den Ballast des Prüfens und Schmeckens los.


Drei etwas längere Aufenthalte verzögern die ohnehin von zahlreichen Toiletten- und Rauchpausen unterbrochene Anreise zusätzlich. Zum einen macht der Bus exakt die Dreiviertelstunde Halt in Karlstein, vor der bekanntesten Burg Böhmens, die der Weg hinauf zur Burg und unmittelbar folgende Abstieg benötigt. Am Nachmittag dann erreichen wir nach abenteuerlichen Fahrmanövern durch enge böhmische Dorfgassen ein Gasthaus mit großem Speisesaal, wo uns der Veranstalter generös zum Mittagessen einlädt. Bevor das erstmalig und exklusiv von einem 1-Sterne-Koch zubereitete Essen serviert wird, klassischer Knödelschweinebraten, läuft noch ein smarter Verkaufsprofi zu Hochform auf. Mit der Beredsamkeit eines Hütchenspielers preist er seine Billigreisen an und dirigiert im Anschluss daran eine Verlosung, bei der fast jeder mitmacht. Ich ziehe den schon gezückten Stift erst im letzten Moment unter dem skeptischem Blick meiner Begleiterin zurück. Zu gewinnen gibt es natürlich die schon präsentierten fantastischen Reisen zu einem Luxushotel in der Türkei oder Österreich, und zwar zu einem nochmals reduzierten Spottpreis. Die Gewinnquote ist hoch, da gibt es nichts zu meckern, manches Ehepaar am Tisch gewinnt zweifach und wird wie alle anderen genötigt, die Zahlung sofort zu quittieren. Kostenlos spät zu Mittag gegessen, eine Billigreise gewonnen zu Zielen, die einem vorher unbekannt waren, und nach 13 Stunden so gut wie in Prag angekommen – die Stimmung steigt.

 

Und droht wieder zu kippen, denn, wir fahren schon auf einer jener Schnellstraßen in den Außenbezirken Prags, deren riesige Reklameriegel mit ihren Preisparolen den nicht mehr so neuen Systemwechsel anzeigen, wir haben in diesem Nirgendwo noch einen weiteren, diesmal rätselhaften Aufenthalt. Zum ersten Mal kocht Unmut in uns knödelsedierten Gratisrittern hoch. Gerüchteweise warten wir auf zwei Konvoi-Busse, dann auf das betriebseigene Buchungspersonal in den noch immer unbekannten Hotels. Offenbar laufen im Hintergrund komplexe und hakenschlagende Operationen ab ähnlich den Leerverkäufen an der Börse, wo nichts lukrativer ist als der Handel mit Nichts. Schließlich sinken wir alle abends doch noch in unser von drei auf vier Sterne umgebuchtes Bett, das wir uns von der Reiseleiterin noch im Bus aufgurren ließen („das kleine Extra sollten Sie sich gönnen“). Es scheint für einen Moment, als schuldeten wir dem unbekannten Makler Dank dafür, dass er in zäher Arbeit einen Weg gefunden hat, wie wir uns lohnen.

 

Anderntags dann Prag – eine schöne Stadt, was uns nicht wirklich überrascht, vor allem aber voll. Altstädter Rathaus, Synagoge, Karlsbrücke, Burg – standhalten oder fliehen? Auffallend sind die Bettler, von denen es im Reiseführer hieß, sie seien verboten. Es sind aber einige wenige da, handverlesen wohl wie die Karikaturisten und Kunstgewerbler auf der Karlsbrücke. Die an Köpfen zahlreiche, dennoch knappe Kaufkraft soll nicht ungeordnet abgeschöpft werden. So bieten sie eine nie gesehene Gegenleistung, ein Schauspiel, eine schmerzende Yogafigur, liefern sich so akrobatisch wie schutzlos auf den Knien, den Kopf im Staub, die Hände mit der Schale dramatisch hochgereckt wie eine Gottesanbeterin, der Passantenflut aus. Der Widerspruch zwischen äußerster Körperdisziplin und Demut macht eher schaudern als freigebig. Vielleicht, denkt sich der Hartherzige, sind es professionelle Schauspieler oder Akrobaten, die es nicht nötig haben.

 

Was auffallend fehlt in Prag sind die Fahrradfahrer, also die selbstbewusste Mobilität jedes einzelnen Bürgers. Tatsächlich sieht man mehr von diesen grotesken Elektro-Stehrollern, mit denen Stadtführungen veranstaltet werden, als Fahrräder. Verkehrsplanerisch nicht vorgesehen und so zu hohem Risiko verdammt, bedürfte es für den Anfang nur eines rebellischen Impulses derart, wie er in New York zu Fixies ohne Bremsen geführt hat. Leider scheint dieser aber den Pragern völlig abzugehen. Die samtene Revolution hat sie so erschöpft, dass für die neue, die ölige Revolution gegen die Touristenbesatzung keine Kraft bleibt. (06.10.2011)


 

 

 

 

Kinder und Narren...


In Seckbach ist manchmal ein Mann zu sehen, der in vergangenen Zeiten der Inkorrektheit wohl als Dorftrottel bezeichnet worden wäre. Ausgestattet mit einer roten Warnweste regelt er den Verkehr, sobald ein Auto des Weges kommt. Dann rudert er mit den Armen und winkt lebhaft durch, seine Miene ist freundlich, häufig lacht er. Für den Autofahrer ist Seckbach meist der Stau in der Wilhelmshöher Straße morgens auf dem Weg in die Stadt und abends zurück ins Umland. Den Anwohnern wird es wie ein Hochwasser vorkommen, das für Stunden alles lahmlegt, und gegen dessen giftige Emissionen man Türen und Fenster verbarrikadieren muss. Dann ist es wieder friedlich im Dorf, alle grüßen sich und klopfen auch gelegentlich dem gestikulierenden Narren auf die Schulter. Das Antlitz des freundlichen Dorfs im Ausnahmezustand ist der Dorftrottel als launiger Verkehrspolizist.


Im benachbarten Bornheim, das schon lange kein Dorf mehr ist, irrt am Markt ein junger Mann herum, für den sich die Bezeichnung „Trottel“ schmerzhaft verbietet. Anscheinend halb gelähmt schleppt er sich in bizarrer Haltung über den belebten Platz und ruft mit heiser gewordener Stimme in endloser Wiederholung, er wünsche einen Teller Suppe, er habe Hunger. Den freundlich angebotenen Döner ignoriert er und wiederholt energisch seinen Endlos-Refrain wie ein Kleinkind, das einen Kraftausdruck aufgeschnappt hat. Die Integration kann nicht gelingen, der Mann nervt auch dann noch, wenn er in eine Baustelle hineinzustolpern droht. Nach ein paar Tagen verschwindet er wieder, und nicht nur die Café- und Ladenbesitzer atmen auf. Eher flüchtige, großstädtische Erscheinung, sagt auch dieser Narr die Wahrheit. Urbaner Überfluss mit immer dichter aufsprießenden Bäckereien, Bioläden, Cafés und Imbissständen hat längst seinen eigentlichen und vitalen Anlass der Lächerlichkeit preisgegeben, er möchte Kaufkraft und keinen Hunger. Unsatt soll er schon sein, der Konsument, und auf fiebriger Suche, die Vielzahl seiner Mängel durch Kauf zu vermindern. Der verbannte Hunger macht derweil Karriere zur hergeleierten Provokation eines Irren. (13.09.2011)

 

 

 

 

 

Der Steinmetz in der Literatur (3) – Die Stimmen des Flusses


Ein so seltener Beruf wie Steinmetz hat keine bedeutenden Spuren in der Literatur hinterlassen, sollte man meinen. Hat er aber doch, wie meine lose Serie von Buchvorstellungen beweisen will. Für was steht der Steinmetz in der Literatur, ist er Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ängste, steht er für rohe fäustelschwingende Kraft, leutselige Handwerker-Biederkeit oder zu Routinearbeiten abgesunkene Künstlernatur? Und was hat das mit der Wirklichkeit zu tun, wie gut hat der Schriftsteller überhaupt recherchiert?

 

Es gibt Bücher, die trägt man im Kopf herum wie Musik oder die frische Erinnerung an ein unerwartet anregendes Fest, nur über eine längere Zeit hinweg. Allmählich entsteht eine exotische Parallelwelt zum Alltag mit erst fremden Menschen in fremden Gegenden mit fremden Problemen, die dann gutartig in ihrem Leser-Wirtstier Fuß fassen und sich ausbreiten. Ein solches Buch ist der Roman „Die Stimmen des Flusses“, in dem der katalanische Autor Jaume Cabré auf fast 670 Seiten Ereignisse und Bewohner eines kleinen Bergdorfs in den Pyrenäen über 60 Jahre hinweg von der Francodiktatur bis heute schildert.


Erste Vertrauensperson und Verbündete des Lesers bei seinem kunstvoll behinderten Versuch, das verwickelte Geschehen aufzuklären, ist die Lehrerin Tina Bros. Ihr übertragen wir anfangs so gerne das volle Risiko der investigativen Anstrengungen, wie wir am Ende über ihren folgerichtig gewaltsamen Tod erschrecken. Cabré schickt seine Heldin auf den schmerzhaften Parcours der Wahrheitssuche, in dessen Verlauf sorgsam Vertuschtes Zug um Zug aufgedeckt wird. Dabei spielt ein Großteil des Geschehens, das virtuos auf zahlreichen Zeitebenen vor- und zurückgeblendet wird, während einer hierzulande eher unbekannten Phase des Francoregimes am Ende des Zweiten Weltkriegs, aus dem es sich ja herausgehalten hat.


Faschismus und Kirche, also weitgehend die alte autoritäre Ständegesellschaft, haben im Bürgerkrieg gesiegt und verfolgen nun jeden aufflammenden Widerstand bis ins letzte Dorf. Reiche Grundbesitzer erstellen Todeslisten, die von bezahlten Killern halblegal abgearbeitet werden, Kinder werden als Geiseln erschossen, Familienväter, die sich im eigenen Haus über Jahre verstecken, denunziert und, notdürftig als Selbstmord getarnt, am nächsten Baum aufgehängt.


Wunderbar eindringlich entwirft Cabré seine Figuren in einem Umfeld, in dem Überlebensinstinkt und Gleichgültigkeit auf mühsame Überwindung der Angststarre und Widerstandswille prallen. Da ist der Lehrer, der als Freund des skrupellosen Bürgermeisters umso besser den Aufständischen heimlich zuarbeiten kann. Da ist die junge Grundbesitzerin, die für ihre Blutrache problemlos einen Vollstrecker findet. Und da ist Serrallac, der Steinmetz des Dorfes, ein Anarchist, der Bakunin liest, aber kein Kämpfer, ein kleiner Handwerker, der mühsam seine Familie über Wasser hält und das Gedenken an die Toten – Mörder, Mitläufer und Opfer – auf steinernen Grabplatten bewahrt.


Hier, bei den Szenen, die den Dorfsteinmetz bei der Arbeit auf dem Friedhof zeigen, spürt man die Sympathie des Autors für seine Figur. Die Namen der Toten, die der Steinmetz unter Tränen der Wut und der Trauer einmeißelt, sind unauslöschlich, sie können warten, bis ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Der Steinmetz, darin dem Schriftsteller ähnlich, erzeugt Nachwelt, die eine verkehrte Gegenwart mit vertauschter Orientierung neu bewerten wird. Und muss Serrallac doch einmal einen pompösen Gedenkstein für die Sieger meißeln, sorgen seine Freunde aus dem Untergrund für dessen unfeierliche Sprengung. Gewalt, der bewaffnete Kampf, ist seine Sache nicht, dazu ist er zu tief mit seiner Familie, dem Beruf, der Dorfgemeinschaft verwoben. Sein Widerstand ist untergründig und ohne Opferbereitschaft, aber zäh und dauerhaft wie der Stein, den er bearbeitet.


Höchstes Risiko dagegen geht die Hauptfigur und versteckter Held dieser Zeitebene, der Lehrer Oriol Fontelles, um dessen lügenbereinigtes Andenken Tina Bros viel später mit den dunklen Mächten vom Big Business kämpft. Von Frau und Kind verlassen, macht ihn die Verzweiflung zum Mann der Tat in einer damals gar nicht so seltenen Doppelexistenz als Falangist und Widerstandskämpfer. Als einsamer Attentäter scheitert er allerdings so jämmerlich, dass man ihm die zupackende Art des Schreinergesellen Georg Elser, denkmalwürdigster aller Handwerker, wünschen möchte. Der Tod des Diktators ist – oder wäre es wenigstens um ein Haar geworden – ein Geselle aus Deutschland, und kein Lehrer, kein General, kein Freiherr oder sonstiger Angehöriger der sogenannten Elite.


Mit seiner an García Márquez erinnernden Fabulierlust, gewürzt mit satirischer Schärfe, die besonders die katholische Kirche mit verblüffender Insiderkenntnis zu spüren bekommt, gelingt es Cábre, den Spannungsbogen wie bei einem wirklich guten Krimi bis zur letzten Seite zu halten. Am Ende hat Tina zwar in Jaume Serralac, dem Sohn und Betriebsnachfolger des alten Steinmetz, einen Freund und Verbündeten gefunden. Er trägt aber fortan die Last der Aufklärung, als die wir den vorliegenden Roman ansehen können, allein. Der Steinmetz mit gleichem Vornamen wie der Autor muss es also richten und wird so endgültig zum alter ego geadelt.


Ich fasse zusammen: Der Identifikationsfaktor der beiden schlauen und eigensinnigen Steinmetze, Vater und Sohn, ist schon fast beängstigend hoch. Geschick und zähe Ausdauer, mit der sie altem Terror und neuer Propaganda widerstehen, haben sie im Umgang mit ihrem Werkstoff gelernt. Lasst ihnen etwas mehr Bildung zukommen und voilà, sie entwickeln sich zu veritablen Schriftstellern. Mit Macht drückt Cabré seine Lieblingsnebenfiguren ans auktoriale Herz. Es ist so schön, dass der leise Wunsch aufkeimt, sich beim nächsten Buch in unserer kleinen Reihe mit einem ausgepichten Drecksack befassen zu dürfen. (E.T.A. Hoffmann hat ja bekanntlich im „Fräulein von Scuderi“ mit dem Fehlgriff bei der Besetzung der Rolle des Bösewichts –  Goldschmied statt Steinbildhauer! - die Chance vermasselt.)


Im Realitätscheck schneidet Recherchemeister Cabré erwartungsgemäß gut ab, er kennt sich auch im Detail aus. Mit einer „Säge“, die Jaume Serralac vergessen hat, auf den Friedhof mitzunehmen (Seite 79), lässt sich aber vor Ort kein Stein bearbeiten. Oder ist es ein Fehler der ansonsten vorzüglich lesbaren Übersetzung von Kirsten Brandt? Hier hätte man die Wahl, ausbildungskorrekt von „Trenn-“ oder „Winkelschleifer“ zu sprechen oder umgangsprachlich von einer Flex. Liebe Leute vom Insel-Verlag: Gebt mir einen Beratervertrag bei geplanter Neuauflage und solche Klöpse werden garantiert bereinigt! (14.07.2011)


Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses. Roman.

Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt.

Insel-Verlag 2007, 669 Seiten.

Auch als Suhrkamp Taschenbuch erhältlich.



 

 

 

Karl Kraus und der Klospruch


Karl Kraus ist als wehrhafte Sprachgroßmacht mit zielgenauem, von leichter Präzisonswaffe bis schwerer Artillerie reichendem Arsenal gegen die Verfertiger wohlfeiler Wortware und jene Frisörillusionisten der Zeitung, die auf Glatzen Locken drehen, unvergessen. Wer der heute grassierenden wasserklaren, von allen Eigenheitsspuren gereinigten Diktion angelsächsischen Typs überdrüssig ist, mag sich an seinen Substantivclustern und syntaktischen Labyrinthen schweißesstolz abarbeiten, um dazwischen immer wieder mit wunderbaren Pointen belohnt zu werden.


Karl Kraus zu lesen ist also harte Arbeit, und so tat ich das, was der moderne Mensch in diesem Fall immer tut auf der Suche nach Mitträgern einer geistigen Last: ich schloss mich einer Mailingliste an. Gleich wurde ich Zeuge eines recht esoterischen Gesprächs zwischen einer Handvoll akademisch geschulter Experten, die mal kostbare Fundstücke tauschten und kommentierten, mal naive Journalismus-Eleven vor branchenüblicher Zitatverhunzung und Schändung des Meisters bewahrten, mal sich in der Erörterung sehr entlegener und deshalb sehr langweilender Spezialfragen erschöpften (die Zahnpastamarke des Onkels mütterlicherseits war allerdings noch nicht Thema).


Kürzlich nun stellte einer dieser Experten einen wirklich schönen Lesefund aus der „Fackel“ Anfang der Zwanziger Jahre vor, der den Sprachgroßmeister scheinbar auf gefährlich dumpfen Abwegen, ja Abtritten zeigt,

 

DAS DRITTE WORT – Keine Rücksicht auf die sittlichen Empfindungen aller Ausgesperrten, nur das Grauen vor einem stofflichen Interesse, dessen Unzuständigkeit vor der Kunst ich eben dartun will, verhindert mich, den genialsten Reim, das vollkommenste Gedicht hieherzusetzen, das in deutscher Sprache entstanden ist, von einem Kretin oder Tier gelallt, das in diesem unbewachten Moment ein Genie war. Vollkommen darum, weil es, als der bündigste Ausdruck der vulgärsten Vorstellung von erotischem Glück, in einem beispiellosen Zusammenklang der Sphären nur drei Worte enthält und wie der gemeine Sexualwille mit diesem „Ist gut“ noch nie so ein für allemal ein Diktum gefunden hat, gegen das es keinen Einwand und über das hinaus es keinen Ausdruck gibt.


und frug dann schalkhaft in die Runde, ob es bei der Fahndung nach dem dritten Wort eine Alternative zur Lieblingsvokabel des „Josefine Mutzenbacher“ – Romans gäbe (einer Pflichtlektüre für den Kraus-Kenner, schon allein wegen seines Autors Felix Salten, ach, das führt zu weit). Sofort bestätigte ein ortskundiger Insider, jedes Kind habe in Wien schon mal den Spruch „Fut ist gut“ auf eine Klo- oder Plakatwand hingekritzelt gelesen.


Das brachte nun die halbe Mailingliste in Wallung und man überbot sich fortan in der Präsentation kurzweiliger Klo- und Obszönsprüche, wohl um ebenfalls den unbewachten und flüchtigen Moment der Genialität zu erhaschen. (Auch mir stand flugs ein einschlägiger Spruch meiner Berufssphäre vor Augen, in dem das gemeine Sexualinteresse des Azubi, eine lebensnahe Ausbilderdidaktik und die, ja, Magie des Reims selbdritt und wundersam zusammenklingen, und der geht so: Die Säge und den … gebraucht man immer ganz.)


Nun wären wir eigentlich am Ende unserer Klosse, aber der Mensch, hat er einmal ein Rätsel gelöst, handele es sich um den Beweis der Poincaré-Vermutung oder das fehlende dritte Wort eines Klospruchs, fragt weiter. So verblüffte mich der Wienkenner mit der Feststellung, jener „genialste Reim“ sei heutzutage oft in dem Satz „AUTO IST GUT“ versteckt nach Hinzufügen eines Strichs vom „F“ zum „A“ und angehängtem „O“. Eine Erklärung dafür blieb er schuldig, sie ist aber auch vermutlich ähnlich komplex wie die eines mathematischen Jahrhunderträtsels.


Sind das nun selbsternannte (oder gar offizielle) Sittenwächter, die nur den Aufwand des kompletten Übermalens scheuen, und das Anstößige zu Banalem entschärfen? Ist das der Sieg der konsumgeilen Auto-Erotik über den gemeinen Sexualwillen, der sich aber doch gerade beim Kritzeln auf dem Klo so unverwüstlich zeigt? Oder setzt sich hier einfach die Lust am Wortspiel und -bild durch in einer Art kreativer Entleerungseuphorie? Für Karl Kraus die Verstümmelung der magischen Verbindung von Sex und Reim (woraus moderne Buchkonzerne Sex and Crime gemacht haben) lässt sich der neue, so nichtssagende Satz auch milder bewerten, als Urform des anderen Humanums, des menschlichen Spieltriebs. (3.12.2010)



 

 

Nachholende Schlagfertigkeit



Schlagfertigkeit, also die Gabe der ansatzlos raschen, witzigen Erwiderung auf ein unkalkulierbares Ereignis, gehört wie überragender Reichtum oder Schönheit zu den menschlichen Attributen, die den anderen, nicht uns vorbehalten sind. Es sind aber nicht so viele, dass man sich seines Mangels schämen müsste. Gegenüber Schönheit und Reichtum hat die Schlagfertigkeit den Vorzug eines geringen Neidfaktors, der Spaß am schnellen Bonmot gehört sozusagen allen.


So freute es mich kürzlich, schon im zugigen OP-Kittel und in Erwartung der Abfahrt meines Rollbettes zu einer kleineren Beinoperation, einen Mitpatienten auf die Frage, welches Bein denn betroffen sei (was ich noch kurz zuvor mit der drögen Auskunft „das rechte“ beschieden hatte), antworten zu hören: „Gut, dass Sie fragen!“ Die entstandene kleine Heiterkeit milderte meine Nervosität vor dem kommenden chemisch reinen Schlaf, die Panik war im Keim erstickt.


Auf dem kleinen Dorffriedhof einer Gemeinde, die sich mangels veritablen Gewässers „am Taunus“ nennen muss, hieb ich unlängst mit dem Spaten auf eine armdicke Baumwurzel neben einem Erdgrab ein, um Platz für das Fundament zu machen. Eine etwa mittelalte Frau eilte mit gefüllter Gießkanne vorüber und rief „Machen Sie nicht so einen Lärm, sonst wacht er noch auf!“ Ich mag ja solcherart geerdeten Humor, erwiderte, da mir nichts Witziges einfiel, irgendetwas nebenhin, sodass eine kleine Unterhaltung zustandekam. Während ich mich anschließend wieder an der Wurzel zu schaffen machte, grübelte ich über eine spritzigere Antwort nach, kam aber über ein „Der wacht erst beim Jüngsten Gericht auf“ nicht hinaus, also selbst mit nachgeschobenem „Und den Schallpegel schaffe ich nicht“ kein wirkliches Top-Bonmot. 


Es steht wohl allgemein nicht gut um die nachholende Schlagfertigkeit, die anscheinend unheilbar kränkelt an des Gedankens Blässe wie an falschem Timing, gleich einem präzise eingeforderten Paukenschlag im Großen Orchester, der sein zögerndes Aussetzen ein paar Takte später nicht mehr gutzumachen vermag. Eine Rettungsmöglichkeit bietet nur das Schreiben, das auch zäh ergrübelten Pointen eine Chance lässt. (14.11.2010)

 

 

 

 


 

 

 

 

Stay Friends


Kürzlich traf ich C. wieder, die mir Neues von L. berichtete, der sich gerade erst von einer Phase tiefster Depression erholt hatte. L. war mein Mitschüler im Kantgymnasium gewesen, ein, wie man so sagt, Elitegymnasium und das verkommenste der ganzen Stadt. Über die Jahrhunderte seiner Existenz hat es nur Verheerendes in den Köpfen seiner Schüler angerichtet, dachte ich, während C. von L. berichtete, statt Bildung hat es Arroganz und Rücksichtslosigkeit hervorgebracht, statt Lebensmut und Gemeinsinn niederschmetternde Depressionen und Selbstmorde. Unzählige Schüler sind an dem kalten Drill dieser Seelenzerstörungsanstalt zerbrochen, nur die robustesten und damit naturgemäß dümmsten haben ihn überlebt. Juristen haben ihre Kinder aufs Kantgymnasium geschickt, um aus ihnen Anwälte oder Juraprofessoren zu machen, und die dümmsten von ihnen, also die, die das Kantgymnasium überlebt haben, sind auch Anwälte oder Juraprofessoren geworden. Die Kinder aus Zahnarztfamilien, hatten sie mit viel Glück und noch mehr Dummheit den geistlosen Notendrill überlebt, sind wieder Zahnärzte geworden, aus Managerkindern wurden Manager, aus Urologenkindern Urologen, das Kantgymnasium hat die Phantasie seiner Schüler bei der Berufswahl nicht gerade beflügelt, dachte ich auf meinem Sofasessel, während C. Kaffee nachschenkte. Wer als junger Schüler nur ein Quäntchen Intelligenz und Phantasie mitbrachte ins fürchterliche Kantgymnasium, dem wurden es rücksichtslos und, wie man sagen muss, restlos ausgetrieben. Die einzige Zuflucht für diese an sich Todgeweihten ist tatsächlich die Musik gewesen, dachte ich, während C., eine hervorragende und vom Kantgymnasium verschont gebliebene Pianistin, in ihrer Leidensgeschichte von L. fortfuhr. Nicht dass die Musiklehrer einen Deut besser waren als ihre samt und sonders pädophoben Kollegen, im Gegenteil waren sie noch weitaus schlechter in diesem drill- und bedeutungslosen Fach. Hatte ein Schüler aber Glück und beispielsweise ein muskalisches Elternhaus, naturgemäß niemals, wie gesagt werden muss, ein juristisches, also das allerstumpfsinnigste, eher schon ein Arzt-Elternhaus, wo regelmäßig die klaffendste Sinnleere zur Musik hindrängte, ja hinzwang, oder kam ihm sonstwie der Zufall zuhilfe, so gelang es ihm nicht selten, der vorbestimmten, gleichwohl tödlichen Juristen- und Ärztelaufbahn zu entkommen, wurde Jazztrompeter, Quartettviolinist oder Zirkusorchestermusiker und war gerettet. (28.08.2010)

 

 



Der Steinmetz in der Literatur (2) – Günter Grass

 

Günter Grass war Steinmetz. Diese Tatsache wird mir immer mal wieder von der Seite zugeraunt von Leuten, die mir Mut zusprechen wollen in meiner Untergrundexistenz als lese- und schreibaffiner Handwerker. Es gibt, so die durchaus wohlwollende Botschaft, eine schmale Passage zwischen den beiden Weltmeeren praktischen Tuns und verfeinerter Kultur, zwischen Baustelle, Maschinenstaub und Flaschenbier einerseits und dem entfesselten Reflexionsraum avancierter Literatur - und die heißt Günter Grass.

 

Nun ist das, wäre es wirklich so gemeint, natürlich blühender Unsinn, wenn überhaupt hat (im deutschsprachigen Raum) nur die DDR Verhältnisse geschaffen, in denen Schreiben und Maloche unter Druck zu Neuartigem kristallisierte. Günter Grass jedenfalls hat Zollstock und Fäustel ziemlich schnell wieder weggelegt, als es dann ernsthaft ans Schreiben und Dichten ging. Immerhin gab er noch 1960, die „Blechtrommel“ war schon erschienen, bei einer Umfrage zur sozialen Lage der Schriftsteller zum Besten, er sei „als gelernter Steinmetz in der Lage, notfalls, sollte man mir eines Tages das Kochen, Schreiben und Zeichnen verbieten, auf den Bau zu gehen und Muschelkalkfassaden zu versetzen“ (aus Jörg Lau: Hans Magnus Enzensberger – Ein öffentliches Leben, danke Tscho!).

 

Muschelkalkfassaden? Das sind doch diese betongrauen Riesenwände an Protz- und Prunkbauten wie Tribünen, Stadien, Banken oder Autobahnbrücken, deren Material schon die Nazis als urdeutschen Naturstein so liebten? Aber ehe wir Grass wieder eine uneingestandene Verbindung zu trüber Vergangenheit unterstellen (und damit den Maßfälschern moralischer Fallhöhen in die Hände spielen), sei doch klargestellt, dass sich Muschelkalk auch nach dem Krieg noch weiter Verbreitung und großer Beliebtheit erfreute. Nein, die Steinsorte verspricht hier gar keinen Erkenntnisgewinn, eher schon die demonstrative Erdung eines „jungen Wilden“ in seinem erlernten Handwerk. Wie schon Jörg Lau in seinem Buch feststellt, ist die behauptete Bedrohung künstlerischer Produktion in der Adenauerzeit nicht ganz frei von Pose, war doch Grass als treuer Parteigänger der SPD kommunistischer Umtriebe weitgehend unverdächtig. Nebenbei wirkt es auf mich wie die Andienung an die klassisch sozialdemokratische Facharbeiterschaft, in der sich der künftige Weltschriftsteller zu verankern suchte.

 

Heute, da sich die Milieus weitgehend undurchlässig ihre Stars erbrüten und die Kontrolle über die Kanäle zum Publikum alles ist, erscheint ein solches Bekenntnis anachronistisch. Eine Versuchung geht von ihm aus, sich nostalgischer Wehmut und wohlig-stolzen Gefühlen zu überlassen. Wir Steinmetze müssen jetzt tapfer sein: Günter Grass war der letzte von uns unter den Nobelpreisträgern, danach kommt nichts mehr. Wir sind wieder allein unter unseresgleichen auf der Baustelle, mit Flaschenbier und Maschinenstaub. (11.03.2010)

 

 

 

 

Der Steinmetz in der Literatur (1) – Raabe Baikal

 

Das Alpha und mit nur geringer Übertreibung auch das Omega der Steinmetz-Literatur ist für mich der einzige Roman des jungen Schriftstellers Thomas Strittmatter mit dem seltsamen Titel „Raabe Baikal“. Aus dem Schwarzwald stammend ist er nicht verwandt mit seinem Namensvetter und Ost-Kollegen Erwin, dessen Bekanntheitsgrad er nicht mehr erreichen wird, da er 1995 im Alter von 33 Jahren an einem angeborenen Herzfehler starb. Immerhin brachten ihm frühe Theaterstücke, Arbeiten für den Film und nicht zuletzt sein 1990 erschienener Roman zahlreiche Preise und posthum die Namensgeberschaft für sein früheres Gymnasium in St. Georgen ein.

 

„Raabe Baikal“ schildert die Lehr- und Wanderjahre des jungen Titelhelden in vielen kurzen Kapiteln mit knappen Szenen, spröden Geschichten rund um eine Handvoll Mitschüler, Internatspersonal und weiteren Bewohnern einer ländlichen Gegend im Schwarzwald. Hier verläuft das Leben vorbestimmt, durch Familienstellung und Beruf festgezurrt, und nur das Sterben, die Aussicht des nahen Todes, macht genügend Kräfte frei, sich radikal zu erkennen zu geben. So grundiert der Tod in allen Abschattungen von Groteske zur Banalität die Geschichten um den düsteren Schüler Raabe, der folgerichtig bei einem Grabsteinmetz in die Lehre geht.

 

Das Aufnahmegespräch und die erste Unterweisung mit dem hölzernen Schlagwerkzeug, dem Knüpfel, ist so lebensnah und witzig beschrieben, dass den Innungsverbänden nahezulegen ist, die Szene tausendfach kopiert unter die Abschlussjahrgänge zu bringen. Der raue Meister, der allein in seiner Werkstatt und von Wodka, Stallhasen und Selbstgedrehten lebt, manövriert Raabe, der natürlich die Biografie von Michelangelo gelesen hat, geschickt in ein spontanes Bekenntnis, Künstler werden zu wollen. Sofort legt er los:

 

Also halt die Klappe und paß auf. Ich bin kein Künstler. Du kannst von mir aus einer werden. Ich bin ein Steinmetz, ein Handwerker, ein Arbeiter. Und weißt du, wovon ich lebe? Im Durchschnitt werden hier, auf zwanzig Kilometer, fünf pro Jahr überfahren. Oft Alte, aber dieses Jahr schon drei Kinder, eine Hirnhautentzündung. Tausendzweihundert Mark pro Stück. Bei den Erwachsenen zweitausend. Manchmal bis zu viertausend. Ich arbeite billig. Viel zu billig. Hergottzack.

 

Dann folgt die Unterweisung mit dem Knüpfel, südbadisch Klöppel, und Raabe besteht die Prüfung (oder eher Initiationsritual) mit einem wohlgezielten Schlag auf einen Hasenkopf. Nun beginnt für ihn eine harte, aber erfolgreiche Lehrzeit, in der er nicht nur Staub, Lärm und Wunden, also die zwangsläufigen Steinmetz-Ingredienzen auszuhalten lernt. Sondern auch in ausbildungspädagogisch hervorragender Weise die wichtigsten traditionellen Techniken, angefangen mit dem Ausnehmen und Zubereiten von Hasen, Tabaktrocknung, Drogenkunde, Steinbearbeitung bis hin zu Liebe und Sex im nahegelegenen Waldbordell.

 

Nun empfehle ich keineswegs, die erfolgreiche Tierschlachtung in den Prüfungskanon zum Steinmetz aufzunehmen. Aber die Vorstellung vom Steinmetz als letztem Reservat des Elementaren, der Zivilisationsverweigerung, als aussterbende Existenzform, die mit bloßen Händen, nur mit Hammer, Meißel und Stein ihr karges Brot verdient, entfaltet ihren stillen Zauber für mich immer dann, wenn ich einem Kollegen begegne, der sich vom Gebietsvertreter Aldi-Süd nicht sonderlich unterscheidet.

 

Ich fasse zusammen:

Der Identifikationsfaktor fällt zwiespältig aus. Einerseits ist die Figur des Steinmetz mit Sympathie gezeichnet. Seine Souveränität schöpft aus dem intimen Umgang mit dem belebten und unbelebten Elementaren. So etwas schmeichelt. Andererseits möchte niemand an Steinstaub oder Lungenkrebs oder einseitiger Ernährung verrecken, was die schon zwangsläufige Folge solcher Lebensweise ist und im Buch handfest beschrieben wird. Offenbar lässt dieser Beruf die Wahl zwischen Extremen, was auf unserem weiteren Erkundungsweg durch die Steinmetz-Literatur noch näher zu untersuchen sein wird.

 

Im Realitäts-Check schneidet das Buch sehr gut ab, fast alles stimmt. Eine Kleinigkeit ist zu monieren: Wenn der Apotheker zum Aufwecken des Meisters dem Blatt einer Steinsäge mit seinem Regenschirm einen Schlag versetzt, ertönt wohl eher ein leichtes Scheppern als das literarisch großartigere „bebende Geräusch“ wie vom „Gong eines tibetanischen Klosters“ (S. 133). Wirklich laut wird es, wenn man mit dem Vorschlaghammer das mannshohe Blatt einer Blocksäge richtet, wie ich es mal in einem Schweizer Granitwerk gesehen habe (übrigens nicht weit vom Ort der Romanhandlung entfernt). Etwas Unbehagen löst bei mir auch die Fertigstellung des Marmorgrabsteins für den toten Meister durch Raabe aus. Dieser arbeitet das riesige Werkstück zu einem handlichen viereckigen Würfel herunter „bis er mit der Zeichnung (= Maserung, J. R.) zufrieden war“ (S. 292). Was für eine Verschwendung! Und wenn dann, auf den letzten Seiten des Buchs, die Versetzaktion beim Überqueren der Autobahn abgebrochen und der Brocken auf die linke (!) Fahrspur abgekippt wird, so gruselts mir doch ein wenig vor solch kantiger Symbolik, und sachte wächst (das Buch ist schon lange zugeklappt) echtes Mitgefühl mit dem Aldi-Süd-Gebietsleiter, der just hier im silbergrauen BMW einem wichtigen Termin entgegeneilt... (03.02.2010)

 

Thomas Strittmatter: Raabe Baikal. Roman.

Diogenes Taschenbuch 2000. 296 Seiten, 9,80 Euro.

 

 

 

Reisenotizen (1) – Ungarn

 

Ungarn, kleines weites Land der Felder und Wiesen, von Büschen, Wäldchen und Unkraut, von staubigen Dörfern mit Kürbisständen, vor denen Kopftuchmütterchen sitzen ohne Zeit und Ziel, und charmant bizarrem Kabelgewirr von Strom und Telefon, wie privat, nach Feierabend, mit sparsamem Materialeinsatz aber Improvisationstalent verlegt, von Städten, die ihre sanierten Denkmäler und Läden den Touristen darbieten neben vergilbenden, zerbröckelnden Fassaden und Zäunen, wo ein rätselhaftes Füllhorn zufällige Wohlstandsorte erblühen lässt aus Marmor und Bronze, strahlenden Farben und teurer Importmarke, und ein ebenso rätselhafter Dämon der Amnesie daneben Zonen der Verödung und des Verfalls markiert, Land der schneidigen Uniformen von der k.u.k. Buntheit bei Stationswärterinnen auf Provinzbahnhöfen bis zum Sheriffschwarz der patroullierenden rendörség mitsamt seit Kojak-Tagen ungehörtem Sirenengeheul, Land des Nationalstolzes mit der sicherlich höchsten Dichte an Bronzestatuen, -köpfen und -plaketten von manchmal bekannten, meist völlig unbekannten, jedenfalls toten Ungarn pro Quadratmeter und Land der Krise, wo die studierten Kinder zurück müssen ins elterliche Häuschen im Dorf ohne gutbezahlten Job in Bank oder Versicherung, und elado – zu verkaufen – zum einzigen Wort Ungarisch avanciert, das Touristen bei der Abfahrt beherrschen, gelesen unzählige Mal an Ferienhäusern, Grundstücken, Geschäften.

 

Und Land ohne cigány, die vor vielen Jahren noch für den Ruf als lustigste Baracke des Ostblocks zuständig waren, überall gegenwärtig, wo die Stimmung zu heben, das Kleingeld zu lockern war, und jetzt weg sind, verschwunden von der Bildfläche, verdrängt wohl von der wachsenden Konkurrenz im Billiglohnsektor, die sich aber auch verstecken müssen vor den Geschichten, die Ungarn wie Marica erzählen, eine kultivierte sympathische Rentnerin, Gespenstergeschichten, erzählt in klingendem Deutsch, das sie von Touristen lernte in den goldenen Jahren, als ihr Mann noch die Westautos gegen Devisen reparierte, mit einem so abgefeimt winzigen Kern an Wahrheit, dass ein paar Klicks Recherche im Internet genügen, den Spuk zu beenden.

 

Denn nicht die Roma waren es, die den harmlos feiernden Handballstar auf Herz und Nieren prüften nach Zigeunerart, also die Organe nach präzisen Messerschnitten als Ganze mitgehen ließen - um sie habgierig an den internationalen Organhandel zu verhökern? - oder als Reliquie an einen besonders fanatischen Anhänger des LC Vezprem? - oder ihren indischen Vorfahren nach streng geheimen Ritual zu opfern? - nein, ein gewöhnlicher Chirurg entfernte während der Notoperation die Niere, so weit korrekt, Marika, allerdings eines Kollegen dieses Handballstars, und das durchaus präzise, nämlich mit Skalpell, nachdem dieser Kollege dem Handballstar im Tumult einer wilden Schlägerei zu Hilfe eilte und in den Rücken gestochen wurde, was bei weitem nicht nett war, vielmehr durchaus brutal, aber doch im Rahmen eines spukfreien Verbrechens, in dessen weiterem Verlauf der berühmte Handballhüne im Handgemenge zu Tode kam, erstochen von kriminellen Roma, um sogleich verklärt zu werden zum Heldenmythos, gemeuchelt nur von einer Übermacht von Vampiren, die wer weiß welche Propaganda, welche Zeitung ins Leben rief, gegen die jedenfalls unsere vielgeprügelte Bild-Zeitung das Verlautbarungsorgan des Bundesverfassungsgerichts ist. (20.12.2009)

 

 

 

Friedhofsgeschichten (1) - Das Eichhörnchen im Tiefgrab

 

Dem Friedhof als grausigem Niemandsort, wo der Wind an den Gebeinen die Harfe streicht, begegnet man nur im Groschenheft. Dennoch gehen viele Leute nicht gerne dorthin. Das liegt aber nicht an den gepflegten Grünanlagen, die webfein gerastert und geregelt sind wie Parzellen von organisierten Kleingärtnern. Eher liegt es am Verhältnis zum Tod, der wohl für viele ein innerer Weggefährte, aber kein fassbarer Ort sein kann.

 

Dabei gewinnen gerade die größeren Friedhöfe mit viel Baumbestand in manchen Momenten ihre Magie zurück, die doch eigentlich gebannt war. Wer kann sich ihr entziehen, wenn im Herbst oder Winter eine rasche Dämmerung den Verspäteten zur Eile antreibt (denn die Unwirtlichkeit der Dunkelheit nicht zu spüren ist ein Privileg der Toten) - und während Licht und Farben sacht verlöschen, erscheinen, leicht tänzelnd oder bewegungslos wie Sterne, die ewigen Lichter der Toten und leuchten dem Gast freundlich hinaus? Oder ist es etwa nicht Magie, wenn an einem hellen Sommertag der Blick in eine kleine grüne Allee aus Bäumen, Büschen, Wiesen, Brunnen, Gräbern fünf kreuzende Eichhörnchen auf einmal erfasst wie flinke Handelsreisende, die das Tagesgeschäft des Lebens besorgen für ihre bequeme, längst zur Ruhe gesetzte Herrschaft?

 

Und natürlich ist der Friedhof ein idealer Ort zum Arbeiten, im Grünen und ungestört. In meiner Zeit als Geselle im Frankfurter Westen, als ich mit meinem jungen Chef ein Arbeitsgespann abgab, das fast täglich hinausfuhr zu einer Handvoll Friedhöfe des Einzugsgebiets, trafen wir einmal einen Trupp Arbeiter, die sich über ein offenes und verschaltes Tiefgrab beugten. Ihr Anführer war ein kräftiger, schon älterer Baggerführer, gefürchtet bei Kollegen und Steinmetzen gleichermaßen für die zackigen, rücksichtlosen Drehungen und Absenkungen der Schaufel (- derselbe übrigens, von dem man erzählte, er habe Monate später sein durch eine Kippe in Brand geratenes Arbeitsgerät seelenruhig verlassen, sei dann zurückgekehrt, um die Tasche mit dem Frühstück zu retten,  und habe sich schließlich gemächlich auf den Weg gemacht, den Vorfall zu melden - ein sicherer Nachweis solider Nervenstärke, den seine Vorgesetzten wie gewünscht mit der vorzeitigen Verrentung honorierten).

 

Dieser Grobian, nennen wir ihn Gruber, war schon eine ganze Weile mit seinen Kollegen damit beschäftigt gewesen, ein Eichhörnchen zu retten, das in das Grab gefallen war und an den glatten Wänden nicht mehr herausfand. Einer stieg zur Grabsohle hinab und scheuchte das wie angestochen herumspringende Tierchen nach oben. Gruber, der nach einem kräftigen Biss die Handschuhe übergestreift hatte, versuchte, in Abschätzung der Laufwege, den Flüchtigen zu greifen. Was dann, unter Gelächter und Zurufen, schließlich auch gelang.

 

Mag sein, dass dem Eichhörnchen der Sympathiebonus zugute kam, den eine stets putzmuntere Agilität gewährt (im Gegensatz zu, sagen wir, einer ziemlich chancenlosen Erdkröte). Mag auch sein, dass es pragmatische Gründe für die aufwendige Hilfsaktion gab (eine Beerdigung mit totem oder wild herumflitzendem Eichhörnchen macht sich nicht gut). Es soll eben alles seinen geregelten Gang gehen auf dem Friedhof, wo die versäumte Lebensrettung einer Störung der Totenruhe gleichkäme. (26.01.2009)

 

 

 

Isso

 

Im Ozean der alltäglichen Geräusche und Töne, die in unser Ohr dringen, gelingt es ein paar von ihnen, nicht gleich wieder vom nächsten Laut hinweggespült zu werden. Am Grund des Stroms festgeklammert, genügt ein Zufall, ein neuronaler Blitz, und sie sind wieder da – hell, banal, berauschend, quälend.

 

Solcherart suchte mich kürzlich das Wörtchen „Isso“ heim. Ich erkannte es schnell als Satzbrocken, nämlich ein spezifisch hessisch eingefärbtes, jedenfalls souverän verkürztes „Ist so“ bzw. „Es ist so“. Und schnell stand mir auch der Urheber vor Augen, eine Art fliegender Hausarzt für Elektrogeräte, dessen stattliche, ja feiste Erscheinung bestens mit allen äußerlichen Insignien der Mobilität wie schwarzer Maschinenkoffer, Headset und Bluetooth-Handy zusammenklang.

 

Die performance dieses Zehnkämpfers der Kleingewerbe-Olympiade beeindruckte: Er wippte die Spülmaschine wie eine Grabstele auf der Kante der Standfuge zur Seite, löste und bog Verblendungen, terminierte schon mal über Headset den nächsten Auftritt bei einer verzweifelten Hausfrau, erkundigte sich im Lager nach der Lieferbarkeit eines Ersatzteils, hustete donnernd und pfeifend ab – und alles das nicht selten zur gleichen Zeit.

 

Und immer wieder fiel in den Gesprächen des gewieften multitaskers jener Universallaut der Tüchtigen und ganz Diesseitigen und schwemmte Zwielicht und Zweifel hinweg. Die Reparatur war teuer - nun ja: Pech gehabt, und ich wars zufrieden. Isso. (24.05.2008)


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