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Herbst auf dem Friedhof, da herrscht geschäftiges Treiben der Lebenden, wie vor einer Reise oder kollektivem Schlafengehen.

Die Bäume machen sich glatt und kahl für das heraufziehende Dunkel und regnen bunte Blättermassen auf Wege und Gräber.

Es ist die Zeit der Fülle, an Farben und Früchten, an Wind und Regen, und die Zeit der Vorsorge in Erwartung des kalten Schlafs. An seinem Ende ruhen die Toten, Frühlingswaisen, nah und fern nach unserem noch herbstlich geschäftigen Herzschlag.







Die Bilder von Joachim Schmidt mischen sich diesmal mit einem Text von Heinrich Böll, einem Ausschnitt aus seinem 1957 erschienenen „Irischen Tagebuch“.

Dass die irischen Friedhöfe bei der Literaturauswahl zur Fotoserie häufiger vertreten sind als die nicht weniger interessanten anderer Länder, sei mit dem beschränkten Lesehorizont des Verfassers entschuldigt.

Aber wo auf Erden gibt es bitte einen saft- und kraftvolleren Grabspruch (der in deutscher Übersetzung seltsam matt, fast banal klingt) als der selbstersonnene auf dem Stein des irischen Dichters Yeats, der in seiner nordwestlichen Heimat Sligo begraben liegt? Alles weitere dazu aber im laut Verlagswerbung „locker und frei“ erzählten Text unseres etwas in Vergessenheit geratenen Nobelpreisträgers.





 

„Da“, sagte der Fahrer und zeigte nach vorne, wo ein Kirchturm im Dunst auftauchte; Krähen flogen um den Kirchturm herum, Wolken von Krähen, die von weitem aussahen wie schwarze Schneeflocken.
„Ich glaube“, sagte der Fahrer, „Sie suchen das alte Schlachtfeld.“ „Nein“, sagte ich, „ich weiß nichts von einer Schlacht.“ „Im Jahre 561“, fing er in mildem Fremdenführerton an, „wurde hier die einzige Schlacht geschlagen, die je auf der Welt um ein Copyright geschlagen wurde.“
Ich sah ihn kopfschĂĽttelnd an.
„Es ist wirklich wahr“, sagte er, „die Anhänger von St. Columba hatten ein Psalter abgeschrieben, der St. Finian gehörte, und es gab eine Schlacht zwischen den Anhängern von St. Finian und den Anhängern von St. Columba. Dreitausend Tote – aber der König entschied den Streit; er sagte: 'Wie zu jeder Kuh das Kalb gehört, gehört zu jedem Buch die Abschrift.' Sie wollen also nicht das Schlachtfeld sehen?“
„Nein“, sagte ich, „ich suche ein Grab.“




„Ach“, sagte er, „Yeats, ja – dann wollen Sie sicher auch noch nach Inishfree.“
„Ich weiß noch nicht“, sagte ich, „warten Sie, bitte.“ Krähen flogen von alten Grabsteinen auf, krächzten um den alten Kirchturm herum. Naß war Yeats' Grab, kalt der Stein, und der Spruch, den Yeats sich hatte auf seinen Grabstein schreiben lassen, war kalt wie die Eisnadeln, die aus Swifts Grab heraus auf mich geschossen worden waren:



Reiter, wirf einen kalten Blick auf das Leben, auf den Tod – und reite weiter.

Ich blickte hoch: waren die Krähen verzauberte Schwäne? Sie krächzten mich höhnisch an, flatterten um den Kirchturm herum. Flach, vom Regen erdrückt lagen die Farnkräuter auf den Hügeln ringsum, rostfarben und welk. Mir war kalt.
„Weiter“, sagte ich zu dem Fahrer.
„Also doch nach Inishfree?“
„Nein“, sagte ich, „zum Bahnhof zurück.“
Felsen im Dunst, die einsame Kirche, von schwarzen Krähen umflattert, und viertausend Kilometer Wasser jenseits von Yeats' Grab. Kein Schwan war zu sehen.




Fotos: J. Schmidt ©


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