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Keinen Schnee, nicht einmal Winter enthält die Friedhofsszene aus dem „Zauberberg“, die nachfolgend zitiert wird. Dieser Roman ist jedoch chronologisch bestens sortiert, so dass der Leser meiner Zuordnung in den Winter voll vertrauen kann. Vorweg ein Wort zum Autor:


Wer das Werk von Thomas Mann angemessen würdigen möchte, muss sich der paradoxen Form bedienen: des ehrfürchtigen Verrisses, der wertschätzenden Polemik. Glühende Verehrerschaft wie kalte Verachtung, so verbreitet sie sein mögen, entlarven nur ihre jeweilige Kümmerlichkeit. Zu sehr sind in diesen riesenhaften Prosaweiten ignorante Betulichkeit und archivalische Prägnanz in der Beschreibung von Menschen und Dingen vermischt, als dass nicht der Chronist von Glanz und Elend einer nicht zuletzt in zwei Weltkriegen gescheiterten Bürgerlichkeit mit ihr am Abgrund stünde.





Hören wir nun (denn Lesen ist ja auch ein Hören der inneren Stimme, oder man lausche gleich der Erzählersog entfaltenden Vorlesestimme Gert Westphals auf sage und schreibe 15 CDs), hören wir nun einen Ausschnitt aus dem „Zauberberg“, erschienen 1924. Hans Castorp, der „einfache junge Mensch“, muss bekanntlich den Besuch bei seinem Vetter Joachim in einem Lungensanatorium in Davos ausdehnen, weil bei ihm selbst die langsam fortschreitende, gleichwohl tödliche Krankheit diagnostiziert wird.

Aus Protest gegen die allgegenwärtige Verdrängung von Tod und Sterben wenden sich die beiden jungen Männer den „Moribunden“ zu und begleiten in Verfolgung ihres „charitativen“ Programms eine junge Frau zu einem nahegelegenen Friedhof. Hier verweilt sie an einer Grabstelle, die sehr bald ihre eigene sein könnte, und blinzelt verschämt und kokett mit den Augen. Wär es ein KlavierstĂĽck, vielleicht von Schumann, man könnte es „Bagatelle ĂĽber ein bekanntes Thema (Eros und Tod)“ nennen.





„Der Friedhof war unregelmäßig in der Form, erstreckte sich anfänglich als schmales Rechteck gegen Süden und lud dann ebenfalls rechteckig nach beiden Seiten aus. Ersichtlich hatte mehrfach Vergrößerung sich als notwendig erwiesen und war Acker angestückt worden. Trotzdem schien das Gehege auch gegenwärtig wieder so gut wie voll belegt, und zwar entlang der Mauer sowohl wie auch in seinen inneren, minder bevorzugten Teilen – kaum war zu sehen und zu sagen, wo allenfalls noch ein Unterkommen darin gewesen wäre.

Die drei Auswärtigen wanderten längere Zeit diskret in den schmalen Gehrinnen und Passagen zwischen den Mälern umher, indem sie dann und wann stehenblieben, um einen Namen nebst Geburts- und Sterbedaten zu entziffern. Die Denksteine und Kreuze waren anspruchslos, bekundeten wenig Aufwand. Was ihre Inschriften betraf, so stammten die Namen aus allen Winden und Welten, sie lauteten englisch, russisch oder doch allgemein slawisch, auch deutsch, portugiesisch und anderswie; die Daten aber trugen zartes Gepräge, ihre Spannweite war im ganzen auffallend gering, der Jahresabstand zwischen Geburt und Exitus betrug überall ungefähr zwanzig und nicht viel mehr, fast lauter Jugend und keine Tugend bevölkerte das Lager, ungefestigtes Volk, das sich aus aller Welt hier zusammengefunden hatte und zur horizontalen Daseinsform endgültig eingekehrt war.”





„Irgendwo tief im Gedränge der Ruhelager, im Inneren des Angers, gegen die Mitte zu, gab es ein flaches Plätzchen von Menschenlänge, eben und unbelegt, zwischen zwei aufgebetteten, um deren Steine Dauerkränze gehängt waren, und unwillkürlich blieben die drei Besucher davor stehen.

Sie standen, das Fräulein etwas vor ihren Begleitern, und lasen die zarten Angaben der Steine, - Hans Castorp gelöst, die Hände vor sich gekreuzt, mit offenem Munde und schläfrigen Augen, der junge Ziemßen geschlossen und nicht nur gerade, sondern sogar ein wenig nach hinten geneigt, - vorauf die Vettern mit gleichzeitiger Neugier von den Seiten verstohlen in Karen Karstedts Miene blickten. Sie merkte es dennoch und stand da, verschämt und bescheiden, den Kopf ein wenig schräg vorgeschoben, und lächelte geziert mit gespitzten Lippen, wobei sie rasch mit den Augen blinzelte.”






Fotos: J. Schmidt, 2010 ©


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